Einleitung (BL)

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Das Kirchspiel Schaaken (HL)

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Schaaksvitte von Anbeginn (HL)

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Darin: Gewerbetreibende in Schaaksvitte 1902
Das Verdienst für diesen 'Exkurs' gebührt Viktor Haupt
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Vom Kaiserreich bis zur Inflation: Paul Lemke

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Die Partei in der Provinz 1928 bis 33 (BL)

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Die Lebenserinnerungen des Fischers Gustav Schütz

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Einleitung (BL)



Für die Geschichte des Samlandes und seine Orte gibt es keine neuere Gesamtdarstellung. Wir sind daher auf ältere Werke, Augenzeugenberichte und archivalische Quellen angewiesen. Im folgenden Abschnitt der website versuchen wir, einige erste Markierungen insbesondere zu Schaaksvitte zu setzen. Enthalten sind zwei Texte von Herbert Laubstein zum Kirchspiel Schaaken und zu Schaaksvitte seit den Anfängen. (Für weitere Informationen siehe die Texte von Viktor Haupt, die auf der Basis seiner Forschungen im Geheimen Staatsarchiv, Berlin-Dahlem, erstellt wurden.)
Danach findet der geneigte Leser einen Bericht von Paul Lemke zur Zeit von 1900 bis Mitte der zwanziger Jahre, in dem nicht zuletzt die Kriegsereignisse von 1914 bis 1918, wenn auch nur kurz, angesprochen werden. Vielen ist nicht bewusst, dass die Flucht am Ende des Zweiten Weltkriegs für viele Gegenden Ostpreussens bereits ein Vorspiel hatte. Glücklicherweise erlebten die Schaaksvitter den Ersten Weltkrieg gewissermaßen in 'sicherer' Entfernung. Abgeschlossen wird der ganze Abschnitt durch einen Aufsatz von Bernd Lemke zur Geschichte der NSDAP im Samland und Schaaksvitte seit 1928, einem Thema, das für die ganze Region nachgerade entscheidend war, dies in allen Bereichen des Lebens. Die Vorgeschichte der Flucht beginnt spätestens mit dem Auftreten der Partei in Ostpreußen.



Das Kirchspiel Schaaken

(Herbert Laubstein)

Schaaken bestand aus den Ortsteilen Domäne Schaaken, Liska Schaaken und Kirche Schaaken.1

Der Ortsname Schaaken enthält das prussische schokis („Gras“). Die erste urkundliche Erwähnung von Schaaken (Schokin) ist wohl in dem Teilungsvertrag von 1258 erwähnt.

Nach der Besetzung des Prussenlandes durch den Ritterorden nahm der Ritterorden sofort große Landflächen in Eigenbewirtschaftung. 1328 wurde in Schaaken mit dem Bau eines Ordenshauses in Stein begonnen; in der achteckigen Form der früheren prussischen Wallburg.

Seit spätestens 1397 bestand in Schaaken ein Pflegeamt, das der Komturei Königsberg unterstand. In der Nähe der Burg entstand ein Ordensspeicher für den Fischhandel (Schaaksvitte = Vitte). Um 1425 wurde um das Schloß ein Kammerhof angelegt, die spätere Domäne.

1525 war Schaaken ein Ausgangspunkt für den Bauernkrieg.

Um 1569 sprach man noch prussisch. Im Jahre 1606 wurde die Burg durch einen Brand zerstört und später wieder aufgebaut. Nach 1525 war Schaaken Kammeramt. Ab 1642 bestand neben dem Hauptamt ein Amt Schaaken. Im Jahre 1752 wurde .aus den Hauptämtern Fischhausen, Schaaken und Neuhausen das steuerrätliche Schaaken gebildet. Das dann im Jahre 1815 eingerichtete Landsratsamt ging 1819 in den Kreis Königsberg über.

Die Ordensburg selbst hatte einen fast runden aus Feldsteinen erbauten Mauerring, an dem sich die Gebäude (Spreicher) von innen anlehnten. Nach mehreren Umbauten diente die Burg auch als Wohnhaus der Pächter. Ab 1912 bis zur Flucht (Vertreibung) im Jahre 1945 waren die Familien Riebensahm Pächter der Domäne.

(Weitere Informationen zur Ordensburg finden Sie hier).

Schaaken wurde, wie die meisten Nachbarorte, am 27. Januar 1945 von der Roten Armee kampflos eingenommen. Lediglich zwei Häuser, das Kaufhaus Groß und das Wohnhaus Bleck fielen offenbar bewußt entfachten Bränden zum Opfer.

Bereits in Sommer 1945 begann nan wieder mit der Feldarbeit. Schaaken war eine örtliche Brigade und gehörte zur Sowchose 173, deren Militärkommandantur sich in Gallgarben befand.

Wie anderswo, wurden auch in Schaaken im 1946 die ersten Zivilrussen angesiedelt. Bis im Jahre 1946/47 leitete ein Deutscher, namens Trampenau, die Schaakener Brigade.

Der Hungerwinter 1946/47 brachte für viele Deutsche den Tod. Ganze Familie verhungerten. Die letzten Deutschen wurden 1948 in die damalige Sowjetische Besatzungszone (S3Z) ausgewiesen. Offiziell bezeichnete man dies beschönigend als Umsiedlung.

Wie überall auf dem Lande, sind auch in Schaaken nach der Ausweisung der Deutschen, viele Häuser, die im Laufe der Jahre verkommen sind, dem Erdboden gleich gemacht worden.

Die Kirche in Schaaken

Die Hauptaufgabe des Ritterordens bestand in der Einführung der christlichen Religion, womit u.a. auch die Errichtung von Gotteshäusern verbunden war. Die Kirche in Schaaken war aus verputzten Feld- und Backsteinen im 14. Jahrhundert erbaut worden. In der Kirche bafanden sich wertvolle Malereien. Die Orgel war 1734 von Johann Casparini gebaut worden. Der Turm der Kirche war mit Kupfer gedeckt und ragte hoch ins flache fruchtbare Land. Sie enthielt 600 Sitzplätze. Der Barockaltar war im 17. Jahrhundert aufgestellt worden. Je zwei Bronzeglocken des Geläuts hatte die Gemeinde in den beiden Weltkriegen hergeben müssen. Eine, die Älteste, im Jahre 1736 gegossen, hatte man ihr belassen. Sie trug die Inschrift “Vivo voco, fulgura frango, mortuos plango”. Das heißt: „Die Lebenden rufe ich, die Blitze breche ich, die Toten beklage ich.“

Dazu noch eine Niederschrift unseres letzten Pfarrers, Herrn Glaubitt:

"Häufig genug hat sie im Laufe der Jahrhunderte Tote beklagt. Am ergreifendsten aber war ihr Klang in den Jahren 1945 bis 1948, wenn sie nichtgeflüchteten Gemeindegliedern, die dem großen Hungersterben dieser Jahre zum Opfer fielen, zum letzten Gang läuten durfte. Und als in der Zeit von 1947 bis 1948 die letzten Gemeindeglieder, die das höllische Inferno jener Jahre überlebt hatten, ausgewiesen wurden, da mag mancher einen letzten wehmütigen Blick auf unsere alte Schaakener Ordenskirche geworfen haben, in der er oft geweilt, in der er vielleicht getauft, konfirmiert und getraut worden war, in deren Nähe auf den Friedhöfen die Gräber seiner Lieben lagen.

Ein letzter Gruß der Zeugin einer reichen, schönen und auch glücklichen Vergangenheit.“

Obwohl die einstmals schöne Ordenskirche 1948 noch unversehrt war, ist sie heute eine Ruine. Anfangs ist die Kirche als Getreidespeicher genutzt worden und später immer mehr verfallen.

Schaaken hatte für die umliegenden Ortschaften nicht nur durch die Kirche und den beiden Friedhöfen eine Bedeutung. In Schaaken war auch das zuständige Standesamt, der Arzt, der Zahnarzt, das Krankenhaus und die Molkerei ansässig.

Anmerkung zur Literatur:

Manche Geschichtszahlen und Zitate sind aus dem Buch "Güter im Kreis Samland" sowie aus dem Buch "Ostpreußen Wegweiser" von Georg Hermanowski entnommen. Die Fotos s/w sind überwiegend Fotos des ehemaligen Fotografen Krauskopf. Die Farbfotos © sind Aufnahmen des Verfassers.

1

Die genaue Bezeichnung lautet: Schaaken, Kreis Samland/Ostpreussen (Russisch Nekrasowo), heute Kaliningrader Oblast (Königsberger Gebiet).







Schaaksvitte von Anbeginn

(Herbert Laubstein)

Das Fischerdorf Schaaksvitte (heute Kaschirskoje) befindet sich am Südufer des Kurischen Haffes, etwa 15 km östlich des Ostseebades Cranz (heute Selenogradsk). Schaaksvitte war einer der größeren Orte am Kurischen Haff. Die Gemeinde hatte vor 1945 etwa 700 Einwohner.

Urkundlich wird Vitte (Schaaksvitte) bereits im 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Deutschen Ritterorden und der Ordensburg in Soke (Schaaken) erwähnt. Vitte (Schaaksvitte) diente dem Ritterorden als Hafen und für den Fischhandel. Die von Memel über das Kurische Haff verkehrenden Frachtboote legten in Vitte (Schaaksvitte) an.

Die Beek, ein Fluss, trennt den Ort quasi in zwei Teile. Die anfangs existierende Holzbrücke wurde im Jahre 1928 durch eine Betonbrücke erneuert und macht den Ort zu einer Einheit.

Die Brücke über die Beek im Jahre 1995



Die Bewohner des Dorfes waren vorwiegend Fischer, die teilweise im Nebenerwerb noch Landwirtschaft betrieben; dies waren die sogenannten Fischerwirte. Der einzige landwirtschaftliche Betrieb im Dorf gehörte dem Bauern Bökenkamp.

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Gewerbetreibende in Schaaksvitte/Ostpreußen 1902

(Die Angaben als Vergleich und Perspektive 1902 - 1928).

aus:
Deutsches Reichs-Adressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel, 1902-1903, 1. Band

Schaaksvitte; Kreis Koenigsberg 777 Ew.

Baecker: MUELLER,A.
Brennmaterialien: WINKLER,Fritz
Fischhdlg.: KARPOWITZ,S.; KUHR,Fr.
Gasthoefe: PIEPER,Arthur
Gm.-waren: MARAUHN,G.; PIEPER,A.
Muehlen: WIECHERT,A.
Sattler& Riemer: ROEHL,L.
Schmiede: GRUENHOFF,A.
Schneider: LEMKE,G.
Schuhmacher: BOEHM,A.; KOMNING,H.; NEWGER,K.
Tischler: LEMKE,F.

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In Schaaksvitte gab es 1928 zwei Gastwirtschaften. Eines war der "Rote Krug" mit Fremdenzimmern und auf der gegenüberliegenden Beekseite der "Weiße Krug". Die Besitzer bzw. Inhaber beider Krüge betrieben neben dem Ausschank noch etwas Landwirtschaft. Im Gegensatz zum "Roten Krug" hatte der "Weiße Krug" einen größeren Saal, in dem an den Wochenenden Tanzveranstaltungen und Filmvorführungen (Wanderkino) stattfanden.

eingesetzt.

Insgesamt gab es in Schaaksvitte 48 Fischereibetriebe.

Die angelandeten Fische - das Kurische Haff war eigentlich sehr fischreich - wurden entweder beim Fischhändler (Naudith/Gomm oder Kirschner) direkt oder auf dem Fischmarkt in Königsberg verkauft. Ferner fuhr oder ging man zu Fuß landeinwärts, um die Fische, die frisch oder geräuchert waren, an die Bewohner der Nachbarorte zu verkaufen oder gegen Naturalien einzutauschen.

Die Volksschule in Schaaksvitte hatte drei Klassen. Diese Schule besuchten auch die schulpflichtigen Kinder der Nachbarorte Sand, Eythienen und Wesselshöfen.
Die beiden ortsansässigen Tischlereien (Minuth und Lemke) bekamen ihre Aufträge u.a. auch aus den umliegenden Ortschaften.

Im Dorf waren drei Kolonialwarengeschäfte (Lemke, Kornning, Borchert). Außer Textilien konnte man hier fast alles von Petroleum bis zur Spalttablette kaufen.

Die Poststelle (Lemke/Schmohr) war auch für die Nachbarorte Sand Eythienen und Wesselshöfen zuständig. Die Postzustellung zu diesen Orten erfolgte durch den Briefträger per Fahrrad.

Für den Fischfang waren

15 Keitel- oder Kurrenkähne,
8 Großgarnkähne und
50 Hand- und kleine Segelkähne

Unser Dorfbäcker Thulke fuhr neben seinem Ladenverkauf mit einem Pferdewagen übers Land und verkaufte auch dort seine Backwaren.

Die Mühle des Mühlenbesitzers Hinuth stand außerhalb des Dorfes, kurz vor Eythienen. Eindmals war es eine Windmühle, die später elektrisch betrieben wurde.

Die ärztliche Versorgung der Dorfbewohner erfolgte durch Herrn Dr. Brettschneider, der seine Praxis in Liska-Schaaken hatte. Dr. Brettschneider war der Landarzt für alle umliegenden Ortschaften. Sofern Krankenhausbehandlungen erforderlich wurden, erfolgten diese in den Krankenhäusern in Königsberg.

Schaaksvitte war Endstation der Königsberger Kleinbahn. Die Fahrstrecke betrug 30 km und endete am Königstor in Königsberg.

Der Huf- und Dorfschmied (Kirschner) hatte überwiegend, durch die Gehöfte im Umland (Pferdebeschlag) reichlich zu tun.

Die Fahrtdauer betrug zwei Stunden. Für die Hin- und Rückfahrkarte für Erwachsene bezahlte man 2,50 Reichsmark in der 3. Wagenklasse mit Holzbänken.

Die Stromversorgung hatte auch in Schaaksvitte Einzug gehalten. Die Wasserversorgung hingegen war durch Brunnen-und Pumpenwasser gewährleistet. Für die Notdurft standen vorwiegend hinter den Häusern kleine Häuschen mit einem Herzchen versehen bereit.

Eigentlich gab es in Schaaksvitte eine intakte Dorfgemeinschaft. Sicherlich spielten die vielen verwandtschaftlichen Beziehungen dabei eine Rolle.

Die politische "Betätigung" der Bewohner in dar NS-Zeit war eher mäßig. Wirkliche nationalsozialistische Fanatiker waren in der Minderheit; es gab etwa 12 Parteimitglieder. Siehe dazu den Aufsatz >>> Die Partei in der Provinz.

Polizeilich wurde neben anderen Ortschaften auch Schaaksvitte von dem Gendarm Hüge betreut, der in Kirche Schaaken seinen Dienst- und Wohnsitz hatte.

Hier befand sich die aus der Ordenszeit im 14. Jahrhundert erbaute Kirche und dem dazugehörenden Friedhof. Die Kirche hatte etwa 600 Sitzplätze. Den sonntäglichen Gottesdienst hielten Pfarrer Glaubitt und Pfarrer Dignat, der später als Seelsorger zur Wehrmacht einberufen wurde, ab. Zu dem Kirchspiel Schaaken gehörten etwa 36 größere, kleinere und kleinste Ortschaften.

Der Zweite Weltkrieg

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges spürte man schon eine soziale Veränderung im Dorf. Wehrfähige Mänder wurden zu den verschiedensten Waffengattungen einberufen. Obwohl zwischen Russland und Deutschland ein Nichtangriffspakt bestand (Hitler-Stalin-Pakt), fürchtete man angesichts des immer stärker werdenden Aufmarsches deutscher Truppen , dass es dennoch zu einem Krieg gegen Russland kommen würde, was dann leider auch geschah.

In der Zeit des Zweiten Weltkrieges waren bei Familien, die größeren Wohnraum besaßen, fast immer Soldaten der Wehrmacht einquartiert.

Im Sommer 1944 kamen die ersten Flüchtlinge mit Pferdewagen aus dem Memelland durchs Dorf, die zum Teil ebenfalls einquartiert wurden oder weiter zogen. Dies war ein Signal dafür, dass die Front näher kam. In der Zeitung oder im Radio las oder hörte man nie von einem Rückzug deutscher Truppen, sondern nur von Frontbegradigungen.

Anfang Januar 1945 vernahm man, dass auch die Bewohner des Ortes Schaaksvitte flüchten müssen. Täglich zogen immer mehr Flüchtlingswagen aus den östlichen Nachbarorten durchs Dorf.

Mitte Januar 1945 wurde der Schulbetrieb eingestellt. Von weit her hörte man auch schon Geschützdonner. Die Lage wurde für die Bewohner bedrohlich.

Die Flucht

Am 25. Januar kam der Räumungsbefehl auch für Schaaksvitte. Die Lage war chaotisch, weil nichts organisiert war. Nicht jeder wollte fliehen, zumal man nicht wahrhaben wollte, dass die sowjetischen Soldaten so hasserfüllt sein würden, wie von der Propaganda gesagt wurde. Dennoch sollte es grausam werden. Ein Teil der Dorfbewohner wurde von einer abrückenden Sanitätskompanie mitgenommen, andere wiederum, insbesondere die Kinder, wurden mit dem Omnibus bis nach Cranz gefahren, von wo aus sie weiter in Richtung Rauschen zogen.

Die Nacht vom 26. auf den 27. Januar 1945 war gespentisch. Ältere und Kranke hielten sich noch im Dorf auf. Es mag gegen 13.00 Uhr des 27. Januar 1945 gewesen sein, als auch unsere Familie sich auf die Flucht machte. Etwa eine Stunde später sind sowjetische Soldaten in Schaaksvitte eingerückt.

In Schaaksvitte sowie in den Nachbarorten haben keine Kampfhandlungen stattgefunden. Lediglich im Geräteschuppen der Schule war auf der Ostseite eine Granate eingeschlagen. Ansonsten waren die Häuser des Ortes unversehrt geblieben.

Über das Schicksal der Menschen, die im Ort verblieben sind und über das Schicksal meiner und anderer Familien unter sowjetischer, militärischer Gewaltherrschaft von 1945 bis zur Vertreibung im Jahre 1948 werde ich im Rahmen dieser homepage gesondert ausführlich berichten. Siehe dazu >>> Die letzten Jahre am Kurischen Haff.

Im Jahre 1946 wurden die ersten Zivilrussen in Schaaksvitte angesiedelt. Diese Menschen aus Russland, die auch nur wenig Hab und Gut mitbrachten, hatte man nach Ostpreußen mit Versprechungen gelockt, die von der stalinistischen Herrschaft in den meisten Fällen nicht eingehalten wurden. Die Enttäuschungen dieser Menschen waren groß.

Ausweisung und Vertreibung der Deutschen

Nach einem Befehl des Innenministers der UdSSR aus dem Jahre 1947 Nr. 001067 waren die Deutschen aus dem Königsberger (Kaliningrader) Gebiet in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) auszuweisen. Der nördliche Teil Ostpreußens war gemäß den Verträgen der Siegermächte der UdSSR verwaltungsmäßig unterstellt worden.

Wiedersehen mit der Heimat

Die Ausweisung und Vertreibung der Deutschen begann im Jahre 1947. Es sollte verhindert werden, dass sich kein Deutscher mehr im dortigen Gebiet aufhielt. Ausweisungen von Deutschen, die sich in den Hungerjähren 1946/47 nach Litauen begeben hatten und dort später aufgespürt wurden, weil die baltischen Staaten sowjetische Teil-Republiken geworden waren, wurden teilweise später (ich beziehe mich hierbei auf die sogenannten „Wolfskinder“) ausgewiesen. Die Vertreibung der Deutschen aus Schaaksvitte und somit aus dem nördlichen Teil Ostpreußens war offiziell Ende 1948 abgeschlossen.

Nord-Ostpreußen wurde von der sowjetischen Armee militärisch strategisch ausgebaut. Insbesondere der Ostseehafen Pillau bekam eine besondere militärische Bedeutung. Angesichts des "Kalten Krieges" war das Gebiet militärischem Sperrgebiet. Selbst sowjetische Bürger durften gewisse Zonen nicht ohne besondere militärische Genehmigung betreten.

In den 80er Jahren habe ich mehrmals schriftlich versucht, eine Genehmigung für den Besuch meiner Heimat zu bekommen. Stets erhielt ich die Mitteilung, dass das Gebiet für Ausländer gesperrt sei.

Die Perestroika brachte dann für die jetzt in Nord-Ostpreußen lebenden russischen Menschen eine Wende und für die ehemaligen deutschen Bewohner die Hoffnung, die Heimat aufsuchen zu dürfen.

Obwohl 1990 noch Sperrgebiet, habe ich mit Untersützung russischer Freunde Nordostpreußen auf Umwegen (Moskau-Riga) zweimal aufgesucht: ein erschreckendes Wiedersehen, wie ich feststellen musste.

Ab 1991 darf man offiziell als Tourist in das Kaliningrader Gebiet einreisen. Für viele ehemalige Bewohner ging ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, Ich habe mich als Reiseleiter betätigt, zumal ich der russischen Sprache noch halbwegs mächtig bin.

Das Kaliningrader Gebiet ist nach über 40 Jahren in landwirtschaftlicher Hinsicht nicht mehr mit dem ursprünglichen Landstrich zu vergleichen. Die ehemals fruchtbaren Felder und Wiesen sind versteppt, dies zumal die Entwässerung der Felder und Wiesen nicht mehr funktioniert.

In Schaaksvitte sowie in vielen anderen Ortschaften sind die Häuser dem Verfall anheimgegeben. Manche Ortschaften existieren nicht mehr. Fragt man sich, warum es so ist und unterhält man sich mit den jetzt dort lebenden russischen Menschen darüber, erhält man schnell eine Antwort. Die Sowjetzeit war nur von militärischer Aufrüstung geprägt. Die Menschen konnten die von Ihnen bewohnten Häuser, sofern Reparaturen anfielen, weder selbst reparieren noch reparieren lassen, weil es an Material und finanziellen Mitteln mangelte. Dadurch, dass die Bewohner der Orte oftmals wieder ins Mutterland Russland zurückgegangen sind, und es somit mehrmals zu einem Bewohneraustausch gekommen ist, hat sich wohl auch kaum einer für die Instandhaltung der Häuser ernsthaft interessiert.

Die Natur und die Landschaft hat man nicht verändern können. Insbesondere die romantische Kurische Nehrung sowie die Ostseeküste mit den Badeorten Rauschen und Cranz laden den Besucher ein. In der Stadt Kaliningrad (Königsberg) sowie in den Badeorten Swetlogorsk (Rauschen) und Selenogradsk (Cranz) herrscht reger Baubetrieb. Die jetzt dort lebenden Menschen heißen uns mit russischer Herzlichkeit willkommen. Persönlich habe ich viele Freunde dort gewonnen. Zuversichtlich für ein gedeihliches Miteinander stimmt mich insbesondere die junge Generation. Die dort Geborenen sehen das Gebiet als unsere gemeinsame Heimat. Diskutiert man mit ihnen über die leidvolle Vergangenheit beider Völker, so hört man, nie wieder darf sich die Vergangenheit wiederholen.

Die jungen Menschen sind wißbegierig und möchten oftmals viel über die ostpreußische Geschichte und ihren Menschen wissen. Helfen wir ihnen dabei.

1

Korrekte Bezeichnung: Schaaksvitte, Kreis Samland/Ostpreußen (Russisch Kaschirskoje), heute: Kaliningrader Oblast.







Vom Kaiserreich zur Inflation:

Die Erinnerungen von Paul Lemke



Am Südufer des Kurischen Haffs, ca. 12 km östlich von dem Badeort Cranz, liegt mein Geburtsort Schaaksvitte. Es ist ein Fischerdort, durch die Beek in zwei Hälften getrennt, mit einem Hafen, mit Damm, Ladeplatz und Mohle. Die Einwohner, vorwiegend Fischer, einige Handwerker und einige Bahnbeamte, denn bei uns ist die Endstation der Königsberger Kleinbahn.
Mein Vater war ein guter Tischlermeister, mit eigenem Betrieb. Mit sechs Söhnen und drei Töchtern, waren wir eine kinderreiche Familie. Um die Ernährungsfrage zu sichern, hatte Vater immer zwei bis vier Kühe und somit hatten wir Buben auch unser Tätigkeitsfeld, aber dennoch denke ich auch jetzt noch oft an die herrlichen Jugendjahre zurück.
Eine dauernde Erinnerung, die ersten sonnigen Maientage, wenn die Weidenbüsche an der Beek blühten, die Bienen summten und wir kleinen Knirpse, mit einer primitiven Angel, wobei die Würmer als Köder nur einfach angeknotet wurden, auf Stechlinge angelten.
Etwas später, die ersten Bade- und Schwimmversuchte am kleinen und später am großen Erlenbusch in der Beek. Ein besonderes Ereignis, wenn man zum ersten Mal die Hafeneinfahrt schwimmend bezwungen hatte. Bedingt durch die gute Gelegenheit entwickelten wir uns zu richtigen Wasserratten. Auch später haben wir oft an Sonn- und Feiertagen gute Erholung gesucht und gefunden.
Am Haffufer waren große Rohr-, Schilf- und Binseninseln und als wir von unserem Fischeronkel ein alten ausrangiertes Netz bekamen, haben wir die Flüsse und den Haffrand mit mehr oder weniger Erfolg unsicher gemacht. Verschiedentlich haben wir auch die Nester der Taucher, Schilfhühner und Wildenten ausgenommen.
Beim Hüten der Kühe hatten wir immer reichlich Gesellschaft unserer Altersgenossen. Die großen Haffwiesen mit den Weidenbüschen und Rohrinseln waren unser Reservoir, zum Indianerspielen wie geschaffen.
Unvergesslich am Abend die Rufe der Rohrdommel mit seinem "versup" und auch der anderen Vögel. Wenn die Jungstare flügge waren, haben abertausende Stare auf dem Rohr übernachtet. Beim ersten Morgengrauen zogen sie ab und am Abend fielen sie in großen Schwärmen im Rohrdickicht ein, denn daselbst waren sie vor allem Raubwild gesichert. Nirgends habe ich solch große Ansammlung von Vögeln erlebt.
Nach dem langen Winterwaren die Kiebitze eine der ersten Frühlingsboten. Aber Hunderte umschwärmten die Nistplätze,in den niederen Weidegärten und Wiesen. Am Abend konnte man dieses Konzert hören, sobald man sich aber den Nistplätzen näherte, wurde man von den Tieren verfolgt, indem sie bemüht waren, die Eindringlingen von ihrem Gelege wegzulocken.
Bei sonnigem Wetter war die Nehrung bis zu den Wanderdünen von Rossitten und die Häuser von dem Fischerdörfchen Sarkau auf der Nehrung gut sichtbar. Ein stolzer Anblick, wenn die Dampfer in bestimmtem Abstand von der Nehrung von Cranz nach Memel liefen. Oft hat der hiesige Fischmeister Nebel in seinem Dienstboot mit uns einen Ausflug nach Sarkau unternommen. Da die Nehrung daselbst nur 400 Meter breit war, konnte man sich nach Herzenslust in der Ostsee tummeln. Der alte Fischermeister ein spaßiger Mann, hatter er mal unkundige Passagiere an Bord und der Wind war nur schwach, hat er am Mast einen Strick angebunden und die jungen Fahrgäste mussten ziehen, damit die Fahrt schneller von statten ginge. Nebenbei war er ein leidenschaftlicher Jäger. Wenn die angrenzende Domäne Schaaken Treibjagd hatte, bezog er Posten auf seinem angrenzenden Gebiet und hat dabei oft mehr Hasen im Durchschnitt geschossen als die Veranstalter.
Im Garten hatte er ein Eichhörnchen,mit einem Häuschen und einer angrenzenden Trommel, welche das Tier in Bewegung brachte und für uns sehr anziehend war. Einen besonderen Spaß für ihn, wenn er einen von den Kleinen beim Spiel so verstecken konnte, daß er nicht gefunden wurde. Den größeren Mädels, diesogar schon im Besitz eines Mantels waren, ließ er oft heimlich einen ausgekauten Priemen in die Manteltasche gleiten. Mit offenem Mund haben wir oft zugehört, wenn er seine Erlebnisse so spannend vorgetragen hat, denn damals haben wir noch nicht gewusst, daß ein Großteil Seemannsgarn und Jägerlatein darin enthalten war.
Eine gute Abwechslung bot uns die Eisbahn auf der Beek und auf dem Haff, wovon eifrig Gebrauch gemacht wurde.
An einem Sonntag früh fuhren Adolf Masteit und ich mit einem Schlitten und Fischergeräten heimlich auf das Haff, um zu klappern. Im Eis wurde ein viereckiges Loch gehausen, die Netze hüben und drüben mit einer langen Stange unter das Eis geschoben. An die Netze wurde eine Schnur, mit einem Schwimmer befestigt, dann ein besäumtes Brett, das am oberen Ende verstärkt war, unter das Eis geschoben. Mit zwei Holzschlägeln wurde auf das Brettendegeklopt und somit für die Fische ein Konzert veranstaltet. Je mehr sich der Schwimmer bewegte, ein Zeichen, daß die Fische ins Netz gingen, um so lebhafter wurde getrommelt. Die Ausbeute war nicht sonderlich, aber es war ein einmaliges Erlebnis. Ein Fiasko haben wir beide in einer Nacht von Pfingstsamstag zu Sonntag <erlebt>. Es war eine mondhelle, laue Sommernacht, als wir vom Bahnhof kommend bemerkten, daß die Rohrplötze in der Beek laichten. Kurz entschlossen holte A. Masteit einen Kahn und zwei Netze und wir haben einige Stunden gefischt. Wir hatten zwei große Körbe voll, doch –oh weh- der alte Mastei wollte seinen Sohn tot schlagen, die Fische konnten infolge der Feiertage nicht abgesetzt werden und die ganz neuen Netze waren versaut.
Am Mobilmachungstag zum Ersten Weltkrieg war ich auf der Weide und hatte daselbst Schlingen aus Pferdehaar für die Stare aufgestellt. Mit zwei lebendigen Staren in der Tasche habe ich an der Post die Mobilmachung<sanordnung> gelesen. Damals war die Begeisterung sehr groß, daheim auf dem Hausdach war eine Fahne gehißt und die beiden ältesten Brüder waren schon beim Waschen. Am nächsten Morgen mit dem ersten Zug mussten meine Brüder und viele Anderen einrücken.
Fast das ganze Dorf war auf dem Bahnhof versammelt und das Gejammer einiger Frauen war unnatürlich laut.
Die nächsten Jahre waren vom Krieg überschattet, zu erwähnen wäre noch der Russeneinfall in Ostpreußen 1914.1 Unsere Abwehrfront war sehr dünn und der Gegner war bis zur Deime vorgedrungen. Die Rauchfahnen der Brände waren von uns <aus> gut sichtbar und unter Kanonendonner wurde der Jahrgang 1900, darunter auch meine Schwester Grete in der Kirche konfirmiert. Einige Sachen waren gepackt, aber wohin sollten wir fliehen? Zum Glück wurden die Russen bald zurückgetrieben.
Ohne große Begeisterung wurde ich 1915 von meinem Vater in die Lehre eingespannt, denn mein Jugendtraum, ich wollte Bauer werden, Königin meinem Reich und von keinem abhängig. Jedoch diesen Wunsch habe ich begraben müssen.
Die Kriegsjahre waren weniger angenehm, denn obwohl wir einige Kühe hatten, war die Verpflegung doch mangelhaft. Um den Küchenzettel zu erweiteren, fuhren mein Bruder Hans und Ich mit dem Fahrrad, mit einem Stück Netz und Gerät an einem Sonntag am frühen Morgen ca. 5 km weg, um an einem Waldrand in einem Kanal, wo es Hechte gab, um zu fischen. Es liess sich auch sehr gut an, denn wir hatten bereits 13 Stück gefangen. Aber so ist es oft im Leben – je mehr er hat, je mehr er will. Über den Bach ging ein schmaler Steg, ganz in der Nähe vom Wald. Wir schoben unsere Fahrräder ein Stück über den Steg hinweg, um bis dahin zu fischen. Doch welch ein Schreck, als plötzlich der Förster die Wiese überquerte und den Steg überschritt. Was sollten wir tun, unsere Fahrräder im Stich lassen konnten wir nicht und so wurden wir das Netz und auch die Hechte los. Doch wir gaben nicht auf, denn am Nachmittag wurde das Unternehmen nochmal gestartet, die Ausbeutewar gering, denn nur ein Hecht ging uns ins Netz.
Mein Bruder Max, der 1917 zur Wehrmacht eingezogen wurde, musste vorher noch eine Notgesellenprüfung ablegen.
Der Krieg ging weiter, die guten und weniger guten Nachrichten überschlugen sich. Noch im Laufe des Krieges machte ich meine Gesellenprüfung.
Doch auch dieses Völkerringen ging zuende, trotz der anfänglichen Erfolge waren wir am Ende doch die Verlierer.
Nach dem Kriege lag die Wirtschaft ziemlich still. Eine schwere Grippeepidemie durchzog unser Land. Die Sterblichkeit war ungewöhnlich hoch. Die Arbeitslage war nicht besonders und wir haben oft Zimmerarbeiten ausgeführt. Sehr viel haben wir in der Inflationszeit in Wesselshöfen gearbeitet und da mein Vater durch die Geldverrechnung immer der Dumme war, hatte er danach einen Stundenlohn von 4 Pfund Roggen vereinbart. Doch, wie man’s macht, ist’s verkehrt, hätte er jetzt <wohl beim Übergang zur Deflation> auch wieder Geld genommen,hätte er pro Zentner12 Billionen <Mark>, also 12 RM. bekommen, da er aber Roggen nahm, bekam er beim Verkauf nur 7 RM, <war> also wieder der Dumme.
(Paul Lemke ist der Vater von Erhard, Dieter, Hans-Georg und Ilse Lemke).

Lemkes im 19. Jahrhundert Diese neu gefasste Übersicht ist dank weiterer Infos von Günter Lemke, Hagen, genauer als frühere. Es blieben einige Unklarheiten zu den alten Infos. Ich bin "integrativ" vorgegangen, habe -soweit möglich- alle Angaben einbezogen. Die Grafik ist also ein Amalgam, das auf den Unterlagen von Ilse Stumpp, geb. Lemke, Günter Lemke und eigenen Forschungen basiert.



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Lemkes im 20. Jahrhundert, Teilansicht Befragung der älteren Familienmitglieder, u.a. durch Ilse Stumpp



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"Generation" Lemke 1900 im Jahre 1930 Von links nach rechts: Paul, Martin, Hans, Vater Friedrich, Max, vorne auf dem Schlitten Grete mit Neffe Herbert. Herbert fiel im Krieg. Seiner wird auf einer besonderen Unterseite gedacht.



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>>> Zur Unterseite Erinnerung und Gedenken

Die andere Familienlinie: Mollenhauer (Königsberg) Familie Mollenhauer vor dem Ersten Weltkrieg. 2.v.r.: Elise Mollenhauser, die spätere Frau von Paul Lemke.



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1

Im August 1914 drang die russische Armee nach Ostpreußen vor und besetzte zeitweise etwa die Hälfte der gesamte Provinz. Dabei kam es zu Plünderungen und Brandschatzungen, ferner flohen hunderttausende Zivilisten in Richtung Ostsee bzw. der beiden Haffs. In einigen Gegenden erreichte der Zerstörungsgrad das Ausmaß der Verwüstungen von 1945. Das Samland blieb allerdings weitgehend verschont. Nach der Schlacht von Tannenberg wurde die russische Armee dann vertrieben. Andreas Kossert, Ostpreußen, Geschichte und Mythos, München 2007, S. 196 - 216.



Die Partei in der Provinz 1928 bis 33 (BL)

Die Partei in der Provinz
Die NSDAP im Samland 1928 – 1933

Mit Ostpreußen verbindet die Mehrheit der Bevölkerung heute wohl im Wesentlichen vier Aspekte: wildromantische Landschaften, der Deutsche Orden, die Stadt Königsberg und die Geschehnisse von 1944 – 48, auch „die Flucht“ genannt. Insbesondere die Vertreibung der Deutschen von dort und der Verlust des ganzen Gebietes an Polen und die Sowjetunion findet bis heute verstärkt Aufmerksamkeit. Dies hat jedoch die Tatsache etwas in den Hintergrund gedrängt, dass dieses Land und seine Einwohner bis 1945 integraler Bestandteil der deutschen Geschichte war und somit auch alle ihre Reichtümer und alle ihre Schattenseiten teilt. Es gibt so viel mehr an Geschehnissen und Konturen als die hier genannten vier Punkte. Ostpreußen darauf zu reduzieren, wäre genauso verfehlt, als wenn man mit Bayern nur Neuschwanstein, das Oktoberfest und die Wittelsbacher assoziierte.
Im Folgenden soll nun ein Aspekt der ostpreußischen Geschichte beleuchtet werden, der anderthalb Jahrzehnte vor der „Flucht“ stattfand und doch mittelbar mir ihr zu tun hat. Ferner ist hier ein Aspekt der Geschichte der Familie Lemke zu finden (Zwei der Familienmitglieder, Max und Hans Lemke, wurden 1933 bzw. 1931 Mitglied der NSDAP). Es geht um den Aufstieg der Partei von ihren kleinen, eher unbedeutenden Anfängen bis zur Machtergreifung 1933.

Geschichte der NSDAP in Ostpreußen 1928 – 1933
Die NSDAP nahm ihre Anfänge in der preußischen Provinz Ostpreußen in ähnlichen Bahnen wie fast überall im Reich. Die ersten Zellen und Ortsgruppen wurden in den krisenhaften Zeiten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gegründet, hier spätestens ab 1921.1 Die Anfänge gestalteten sich teils eher provisorisch bzw. sogar chaotisch und waren fast durchweg von massivem Geldmangel begleitet. In den Städten, vor allem in Königsberg waren wohl erste Vorformen einer systematischen Organisation zu erkennen, meist jedoch, dies insbesondere auf dem Land, versuchten, radikale Einzelpersonen bzw. Kleingruppen durch erste Aktionen und Reden auf sich aufmerksam zu machen. Infolge des allgemeinen Desinteresses war diesen Aktivitäten kein großer Erfolg beschieden. Die Erfahrungen der ‚Vorkämpfer’ waren nicht selten ernüchternd und frustrierend.
Infolge des gescheiterten Hitlerputsches und der Stabilisierung der Weimarer Republik verschwanden viele der ‚Keimzellen’ nationalsozialistischer Agitation wieder. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre erfolgten wieder verstärkt Gründungen von Ortsgruppen, dies gerade in Ostpreußen jedoch mit mäßigem Erfolg und Rückschlägen. Der erste „Gauführer“ von Ostpreußen, Bruno Scherwitz, war nicht unbedingt ein begnadeter Parteiführer und musste Mitte 1927 zurücktreten. Die Führungsfrage blieb danach für eine gewisse Zeit ungeklärt.
Sein Nachfolger war ein Mann, der die Geschicke Ostpreußens in den nächsten beiden Jahrzehnten zum Schaden aller lenken und Land und Leute in den Untergang führen sollte: Erich Koch. Koch wurde am 19. Juni 1896 in Elberfeld geboren, gehörte zur Frontgeneration des Ersten Weltkrieges und hatte nach Kriegsende in Freikorps und anderen antidemokratischen Militärformationen gekämpft bzw. geputscht. Er hatte ursprünglich keine unmittelbaren politischen Beziehungen zu Ostpreußen, sondern war im Rheinland als Bezirksleiter aktiv. Er gehörte innerhalb der NSDAP zum sog. „Straßer-Flügel“, der sozialistisch-kollektivistische Ideen vertrat und daher von seinen innerparteilichen Gegnern des Marxismus’ verdächtigt wurde. Letztere propagierten die völkisch-rassistische Blut-und-Boden-Ideologie und wollten u.a. eine Art ‚freies’ Wehrbauerntum auf der Basis einer ständisch gegliederten Gesellschaft errichten. Dies bedeutete keineswegs, dass Straßer, Koch und andere nicht rassistisch und vor allem auch judenfeindlich gewesen wären. Sie vertraten jedoch diesen Rassismus eher in Verbindung mit Plänen zur Zwangskollektivierung des Eigentums (v.a. Land).
Die daraus erwachsenden Konflikte und die üblichen Machtrivalitäten und parteiinternen Intrigen eskalierten im Rheinland schließlich derart, dass Hitler persönlich eingreifen und ein Machtwort sprechen musste. U.a. Goebbels und Koch mussten die Rheinprovinz verlassen und wurden in Preußen abgefunden: Goebbels wurde Gauleiter in Berlin, Koch erhielt Ostpreußen.
Kochs Amtsantritt am 15. September 1928 kann durchaus als Zäsur in der ostpreußischen Geschichte angesehen werden. Zunächst einmal bekam dies die vor sich hindümpelnde ostpreußische NSDAP zu spüren. Koch stellte die Parteiorganisation alsbald auf eine neue Basis und begann den systematischen Aufbau von Ortsgruppen bzw. „Stützpunkten“ (in kleineren Orten) überall in Ostpreußen. Untrennbar damit verbunden war die Propagandatätigkeit. Wie Hitler selbst in „Mein Kampf“ gefordert hatte, bedingten sich beide Grundsäulen gegenseitig: Organisation und Propaganda.2
Praktisch gesehen ging dies wie folgt vonstatten: an wichtigen Orten wurden sog. „Sprechabende“ angesetzt, bei denen versierte Redner, u.a. Koch selbst, zu „nationalen“ Themen sprachen und dann neue Mitglieder aufnahmen bzw. neue Ortsgruppen bzw. Stützpunkte gründeten. So dehnte sich das Netz der Partei im Laufe der Zeit aus. Dreh- und Angelpunkt der Agitation war die Gauleitung, die in Königsberg (Adresse: u.a. Paradeplatz 11) ansässig war. Koch verfügte nach einiger Zeit über einen loyalen Mitarbeiterstab und eine mehr oder weniger geordnete Parteiorganisation. Dazu besaß man eigene Zeitungen, die die Propaganda tagtäglich nach außen trug. Wie überall im Reich profitierte vor allem der Gauleiter selbst davon und erhielt mehr und mehr die Macht. Die Finanzen waren unter seiner Kontrolle, die teils zwangsmäßigen Spenden („Opferring“) und Beiträge der Mitglieder dienten u.a. dazu, den Gauleiter zu finanzieren. Nach und nach wurde Koch auch zum Eigentümer der Parteiblätter und stand in seiner Parteifunktion direkt unter dem Befehl von Hitler. Die Kreis- und Ortsgruppenleiter arbeiteten ihm zu und waren ihm auch direkt verantwortlich. Bei geschickter Parteipolitik, entsprechenden propagandistischen Erfolgen und entsprechenden Betrügereien stand dem Aufstieg des Gauleiters zum regionalen Diktator nichts im Wege. Koch erreichte dies trotz weiterer erheblicher innerparteilicher Kämpfe.
Die erste Zeit war für die Partei indes auch unter Koch eine schwierige. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die vorherrschenden politischen Kräfte, insbesondere die Großgrundbesitzer und die Verwaltung, trotz aller Affinitäten nicht unbedingt der NSDAP anhingen, sondern der konservativen DNVP, die wiederum die NSDAP anfänglich als Konkurrent und Gegner ansah.
Besonders gefährlich für die NSDAP waren deren Feinde, hier insbesondere die KPD. Ostpreußen und insbesondere auch das Samland (bis 1.4.1939 getrennt in die Kreise Fischhausen, Königsberg-Stadt und Königsberg-Land) galt für Rechtsradikale als schwieriges Pflaster, weil dort viele Menschen, insbesondere auch zahlreiche Landarbeiter, zu den Anhängern der Sozialdemokraten oder der Kommunisten zählten. Es kam verstärkt zu Schlägereien, Saalschlachten und Kämpfen mit einer steigenden Anzahl von Verletzten und Toten. Ferner ging der Staatsschutz und die politische Polizei Preußens, das bis 1932 demokratisch regiert wurde („Weimarer Koalition“: SPD, Zentrum und DDP), gegen die NSDAP vor. Dazu kamen innerparteiliche Zwistigkeiten und Zerwürfnisse. Auf Dauer gelang es der Partei im Verein mit den Kommunisten jedoch, die ganze Provinz politisch zu destablisieren – darauf war die ganze Agitation letztlich auch abgestellt.
Insgesamt blieb die NSDAP bis 1930 jedoch auf einem sehr bescheidenen Niveau. Bei den Reichstagswahlen im Mai 1928 erreichte sie in Ostpreußen gerade einmal 0,8 % und bei den preußischen Provinzial- und Kommunalwahlen im November 1929 4,3% aller Stimmen. Im Jahre 1930 ergab sich dann jedoch die Wende. Dies hatte seine Ursache u.a. in der reichsweiten Agitation gegen den Young-Plan (Reparationszahlungen an die ehemaligen Kriegsgegner). 1929 wurde die sog. „Harzburger Front“ gebildet, ein Schulterschluss der maßgeblichen konservativen Parteien und dem rechten Verleger Hugenberg. Der NSDAP gelang es, miteinbezogen zu werden und etablierte sich damit im rechtskonservativen Lager. Sie wurde gewissermaßen hoffähig. Zusammen mit der weiterhin betrieben, teils zähen Aufbauarbeit auch in Ostpreußen unter Einsatz von Rednern unter dem Schutz der SA und der weiter anhaltenden Krisen gelang bei den Reichtagswahlen vom 14. September 1930 der Durchbruch. Die Partei erhielt in der Provinz 22,5% der Stimmen und wurde damit stärkste Kraft. Gleichzeitig konnte sie sich zunehmend ihres Images der verfassungsfeindlichen Radikalpartei entledigen und konnte sich, gestützt auf ihre jugendlich-dynamisches Auftreten, als Speerspitze des nationalen Aufbruches präsentieren. Das positive Ergebnis wirkte als psychologischer Barrierebrecher. Für viele Leute wurde die NSDAP nun erst richtig attraktiv.
Dieser Erfolg ging nicht zuletzt auch auf strategischen Festlegungen an der Spitze der Partei, vor allem durch Hitler selbst, zurück. Nach der verheerenden Wahlniederlage im Frühjahr 1928 bestimmte er, dass die nationalsozialistischen Agitation vor allem die ‚einfache’ Landbevölkerung, hier insbesondere Landarbeiter, Bauern und Handwerker zu beeinflussen habe. Die Partei solle sich als „Anwalt“ der ‚kleinen Leute’ darstellen und nicht zuletzt deren Existenzängste ausnutzen. Dabei sollten insbesondere auch die Kirchen als Stimmenbeschaffer angesprochen werden. Besonders viele Stimmen erhielt die Hitlerpartei in grenznahen Kreisen mit einem hohen Anteil evangelischer Bevölkerung und vielen selbstständigen Kleinbauern.
Diese Festlegungen wurden dann auf den unteren Ebenen umgesetzt, so auch in Ostpreußen. Mit einer ganzen Reihe von Themen sprach deren politische Überzeugungen, aber auch ihre ‚Schwächen’ und ihr Lebensgefühl an. Es waren dies vor allem:

- Angriff gegen den „Schmachfrieden“ von Versailles
- Denunziation des Weimarer „Systems“ als Schandmal („Krebsschaden der Demokratie“)
- Anprangerung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, insbesondere die Wirtschaftskrise und ihre Auswirkungen gerade auf die mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung
- Massivste Angriffe gegen Sozialdemokraten und Kommunisten, darunter auch allerschlimmste Pöbeleien und umfangreiche Gewaltanwendung
- Appell an die „Größe“ Deutschlands, die es wiederherzustellen gelte
- Forderung nach Wiederaufrüstung und Rückkehr zur „Stärke“
- Direkt in Verbindung damit: Betonung des besonderen „Bollwerkcharakters“ von Ostpreußen als Außenposten und Schutzbastion des Reiches gegen angebliche Barbarenangriffe aus dem Osten bzw. Süden.

Damit ist nicht unbedingt gesagt, dass der gleichzeitig propagierte
Judenhass von der Mehrheit der Ostpreußen geteilt wurde. Viele der Themen, die die Nationalsozialisten besetzten, waren jedoch in der breiten Bevölkerung konsensfähig. Die rassistische Ausrichtung dürfte zusätzlich zumindest unterschwellig vorhandene Abneigungen gegen Minderheiten und Andersgläubige verstärkt und ausgenutzt haben.
Unterstützung erfuhr die Partei im Laufe der Zeit dann vor allem auch durch die evangelische Kirche, deren Protagonist, der Wehrkreispfarrer Ludwig Müller, zum engen Verbündeten Erich Kochs wurde. Müller gründete in der Folge dann zusammen mit anderen Kirchenvertretern die rassistisch eingestellte „Glaubensbewegung Deutsche Christen“, avancierte 1933 zum „Reichsbischof“ und wurde zum Gegner der „Bekennenden Kirche“ unter Martin Niemöller.
Die Kampagnen der NSDAP wurden 1931 mit höherer Intensität fortgeführt und erzielten zunehmend Erfolg, der sich auch in den Mitgliederzahlen wiederspiegelte. Die allgemeine Propaganda in Verbindung mit den „Sprechabenden“ und dem insistierenden Vorgehen der örtlichen Parteifunktionäre bewegte viele ‚einfache’ Leute, die zumindest einen Teil der Inhalte befürworteten, zum Eintritt. Ab Mai 1931 kam es in diesem Rahmen zu einer regelrechten dreimonatigen „Propagandawelle“, bei der nach Worten des „Völkischen Beobachters“ 2000 Versammlungen „im großen Saal ebenso wie im Wirtshaus“ abgehalten wurden. Es seien alle Schichten vom „Fischer bis zum Kaufmann“ mobilisiert worden.3 Die Anzahl der Parteimitglieder in Ostpreußen stieg von 2800 (September 1930) auf 18105 (Ende 1931). Einer der 'mobilisierten' Samländer war Hans Lemke, der im August 1931 beitrat. (siehe Daten).
Die folgenden beiden Jahre brachten eine weitere Ausdehnung der Partei, dies nicht zuletzt auch auf Kosten der Deutschnationalen und Konservativen. Im Jahre 1932 kam es dann zu teilweise äußerst blutigen Auseinandersetzungen, die gerade auch von den Nationalsozialisten provoziert wurden, um den Staat zu destabilisieren. Zum Vorboten der Diktatur wurde dann im Herbst 1932 der sog. „Preußenschlag“ des Reichskanzlers Franz von Papen, ein Staatsstreich, der die gewählte Regierung de Facto absetzte und die demokratische Kontrolle insbesondere der Polizei und der Inneren Verwaltung ausschaltete. Papen selbst fungierte danach als sog. „Reichskommissar“ mit diktatorischen Vollmachten. Der Weg für die nationalsozialistische Diktatur war damit weitgehend geebnet worden.
Daneben ging die nationalsozialistische Agitation in Ostpreußen weiter. Mit den bekannten Themen und der gleichen Zielgruppe versuchte man, sich weiter zu etablieren. Zunehmend kam es auch zu antisemitischer Propaganda mit entsprechenden Ausschreitungen, die sich insbesondere gegen die jüdische Gemeinde in Königsberg richtete.
Mit der sog. „Machtergreifung“ änderte sich dann das Machtgefüge auch in Ostpreußen. War dies auch in der ersten Zeit nach dem 30. Januar 1933 nicht sofort zu erkennen, so wurde doch nach und nach das ganze Ausmaß deutlich. Koch, der Gauleiter blieb, wurde nun noch Oberpräsident und verschaffte etlichen seiner Parteigenossen öffentliche Ämter, nachdem diese von ‚unzuverlässigen’ Personen, d.h. vor allem Demokraten und Feinde der NSDAP, gesäubert worden waren. Die Parteien und Verbände wurden bis auf die NSDAP und ihre Gliederungen aufgelöst bzw. gleichgeschaltet. Die Mitgliederzahlen schossen in die Höhe, als im Gefolge der Machtergreifung zahlreiche Leute in Ostpreußen wie im Reich insgesamt, u.a. aufgrund persönlicher Interessen bzw. spezieller Ängste, in die NSDAP eintraten (sog. „Märzgefallene“): von 27526 (30. Januar 1933) auf 86281 (Ende 1934). Es drohte die Gefahr, dass der ‚Elite’-Charakter der Partei verloren ging. Deshalb wurde ein Aufnahmestopp verhängt, wenn dieser auch nicht immer durchgängig befolgt wurde.
Im sozialen und wirtschaftlichen Bereich, der sich insofern sehr sensibel gestaltete, als dass die Partei hier spürbare Erfolge zeitigen musste, wenn sie an der Macht bleiben wollte, ging man mit massiven Eingriffen vor. De Facto wurde die bis Dato geltende Wirtschaftsordnung ausgehebelt und durch ein System staatlicher und halbstaatlicher Maßnahmen ersetzt. Dazu gehörte das „Reichserbhofgesetz“, dass den ältesten Sohn eines Bauernbetriebes an die Scholle band. Ferner wurden großangelegte Arbeitsbeschaffungsprogramme, dies teilweise gestützt auf Arbeitslager, durchgeführt. Um die Hauptklientel der NSDAP, die kleineren Bauern, Arbeiter und Mittelständler, anzusprechen, wurde ein Siedlungsprogramm aufgelegt, dass etlichen Ostpreußen begrenzte Flächen zur Bebauung zur Verfügung stellte (Kleinsiedlungen, Eigenheime mit u.a. finanziellen Sonderkonditionen). Vermutlich war Max Lemke, der ein kleines Anwesen in Jägertal erhielt, unter denjenigen, die in diesem Zusammenhang für die Partei rekrutiert wurden. Er wurde am 1. Mai 1933 Parteimitglied. Es könnte sein, dass man ihm das Land nur unter der Bedingung überließ, dass er in die Partei eintrat. Dies würde auch mit den Plänen des Regimes korrespondieren, in den östlichen Gebieten eine Art Wehrbauerntum zu schaffen.
Den ‚erkannten’ Gegnern des Systems, also insbesondere Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden, ging es zu zunehmend an die Existenz. Wortführer und aktive Vertreter dieser Gruppen wurden rasch verhaftet und gefoltert. Weniger bekannte Mitglieder insbesondere der SPD wurden zum Schweigen gezwungen, blieben aber bis 1945 Schikanen und Anfeindungen ausgesetzt.
Den Juden ließ man im Laufe der Zeit die allseits bekannte „besondere“ Behandlung angedeihen. Erich Koch, der in Ostpreußen spätestens ab 1933 in allen wichtigen Bereichen ein ‚Gefüge’, d.h. einen mehr oder weniger geschlossenen Machtbereich, etabliert hatte, tat sich dabei besonders hervor. Im Zweiten Weltkrieg erweiterte sich sein Machtbereich bis in die Ukraine, als er am 1. September 1941 Reichkommissar für die Ukraine wurde. Zuvor hatte man ihm große Teile Polens als Regierungsbezirk unterstellt. In Kochs Zuständigkeitsbereich wurde eine brutale Politik der Ausrottung gegenüber den Juden betrieben. Außerdem sorgte er persönlich für die Aushungerung der slawischen Bevölkerung durch Abtransport der Ernten zur Ernährung der Deutschen.
1945 tauchte er dann, nachdem er sich auf einem eigens für ihn bereitgehaltenen Eisbrecher nach Schleswig-Holstein geflüchtet hatte und unter, wurde dann allerdings im Jahre1949 gefasst und an Polen übergeben. Da er zum Zeitpunkt des Prozesses angeblich krank war, wurde er nicht hingerichtet, sondern erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe. Diese saß er zynischerweise zum Teil in Ostpreußen selbst ab, aus dem die meisten Deutschen bereits vertreiben worden waren und wo er erst 1986 verstarb. Neben Hitler hat vor allem Koch die Verantwortung für das Sterben und die Vertreibung der deutschen Bevölkerung in Ostpreußen zu tragen. Seine skrupellose Parteipolitik bis 1933 und danach, die Ausschaltung der Demokratie und das brutale Vorgehen gegen Demokraten und sog. „Andersrassige“ schufen die Voraussetzungen für den Zweiten Weltkrieg, in dem er selbst Leid und Rachegedanken über die Völker des Ostens brachte. Die Welle der Gewalt, die dann über Ostpreußen und seine Bewohner dann ab 1944 schwappte, war letztlich vor allem auch sein Werk. Die Tatsache, dass er den Ostpreußen fast bis zum Schluss die Evakuierung der deutschen Zivilbevölkerung verbot, fällt gegenüber all den grausamen Verbrechen zwischen 1928 und 1945 historisch betrachtet eigentlich nur begrenzt ins Gewicht.




Die NSDAP im Samland 1924 – 1933
a. Plakate, Sprechabende und Saalschlachten: die ‚Eroberung’ des Samlandes durch die NSDAP

Die Anfänge der NSDAP im Samland waren insgesamt gesehen alles andere als heroisch.4 Das Samland galt als eine der „rötesten“ Gegenden in Ostpreußen, dies insbesondere in Umkreis von Königsberg selbst. Im Kreis Fischhausen, der westlich und nordwestlich von Königsberg lag, gab es Hochburgen der KPD und der SPD, in denen die Nationalsozialisten anfangs fast überhaupt nicht Fuß fassen konnten. Die erste Ortsgruppe im Samland gründete man nach Angaben der Nationalsozialisten in Fischhausen im Jahre 1928.
Die Ortsgruppengründung liefen meist nach dem selben Schema ab. Dort, wo man glaubte, genügend Sympathisanten zu haben, rief man Sprechabende ein, in denen ein Redner die Anwesenden vom Programm der NSDAP zu überzeugen versuchten. Danach wurde zum Eintritt in die Partei und auch sofort zu entsprechenden Spenden aufgefordert. Da man nicht über die Kapazitäten verfügte, in jeden Ort vorzudringen, hielt man die Veranstaltungen an zentralen Punkten ab und hoffte, dass auch Interessierte aus umliegenden Gemeinden kommen und dann eigene Stützpunkte bzw. Ortsgruppen gründen würden. Als dann im Laufe der Zeit der Personalbestand wuchs und auch Untergliederungen gegründet werden konnten, ging man zu weiteren Progapandamaßnahmen über. Man veranstaltete Fahrten, Märsche und Feste, erschien auf allgemeinen Veranstaltungen von Kreis und Provinz und verbreitete gedrucktes Material.
Die Ausdehnung der Partei traf nun auf erbitterten Widerstand insbesondere der Kommunisten und der Sozialdemokraten, wobei Letztere durch ihren Kampfbund „Reichbanner Schwarz-Rot-Gold“ und die Gewerkschaften unterstützt wurden. Je nach Ort und Anhängerschaft traten die linken Parteien in den Versammlungen der Nationalsozialisten auf. Die NSDAP gestand dabei, um den Schein der Demokratie zu waren, den Rednern von SPD und KPD durchaus teilweise Zeit zu einer Gegendarstellung zu. Nicht selten jedoch kam es zu keiner Diskussion, sondern zu Beschimpfungen und Gegröhle. Meist zogen die Protestler dann unter Gesang aus dem Saal, noch bevor der Redner der NSDAP geendet hatte. Die Nationalsozialisten dürften dies einkalkuliert haben, um die anwesenden Kleinbürger und Arbeiter von der ‚barbarischen’ und ‚unzivilisierten’ Art der Linken zu überzeugen. Häufig kam dann auch zu wüsten Saalschlachten, in denen die angerückte Polizei zum Teil zahlenmäßig unterlegen war und daher auch keine Ordnung schaffen konnte. Ferner ereigneten sich schwere Körperverletzungen und auch Morde, die dann von beiden Seiten propagandistisch aufgebauscht wurden.
Die Nationalsozialisten erlitten insgesamt teils herbe Rückschläge und Niederlagen, dies vor allem in Fischhausen, Seerappen, Groß Heydekrug, Tannenwalde, Rudau und in anderen Orten. In verschiedenen Gegenden blieb dagegen zumindest zeitweise eher ruhig, dies insbesondere im Kreis Königsberg-Land, wo auch Schaaksvitte lag. Dennoch ereigneten sich auch dort dann Morde. Nicht immer jedoch, und dies spricht sowohl für die ganze Verworrenheit der politischen Lage, führten die Sprechabende zu Kämpfen. Mehr als einmal berichteten die Verantwortlichen der NSDAP, das während des Vortrages des NS-Redners „Totenstille“ und Nachdenklichkeit geherrscht habe. Ferner kam es auch zu regelrechten Verbrüderungen, nachdem die „Marxisten“ die Argumente der NSDAP anerkannt hatten. Dies schloss jedoch Kämpfe bei nächster Gelegenheit nicht aus. Dem Betrachter bietet sich ein Bild von politischer Verworrenheit und fehlender Stabilität einerseits, andererseits jedoch der Eindruck einer infantilen Prügel- und Verbrüderungskultur. Die Demokratie konnte den aufkommenden Kräften des Totalitarismus keinen nachhaltigen Widerstand leisten.
Gewissermaßen ‚abgerundet’ wurden die Verhältnisse noch durch das Auftreten zahlreicher, teils eher skuriler Verbände und Kampfbünde, die u.a. mit der NSDAP personell oder organisatorisch liiert waren. Ein Beispiel hierfür ist der „Bund der Guoten“, einer völkischen Loge mit verworrenen, z.Tl. eugenisch gefärbten Vorstellungen. Dessen Wortführer machten der NSDAP Konkurrenz und drohten mit der Vernichtung der Partei.



b. Von Ort zu Ort: Beispiele und Höhepunkte des politischen Kampfes im Samland

Ein Beispiel für die frühen Frustationen der NSDAP-Funktionäre waren die Aktivitäten des Oberpostsekretärs Stobbe und seines Parteikollegen Pankow in Cranz und Umgebung im Jahre 1924. Häufig fehlte es an Geld und geeigneten Rednern. Dazu kamen innere Zwistigkeiten in der Partei. Zeitweise kam die ‚Kämpfer’ „das große Kotzen“ an.5
Auch später lagen Glanz und Elend nahe beeinander. In Germau bei Palmnicken hielt die örtliche NSDAP am 17. 3. 1929 einen Sprechabend ab, bei dem der Vertreter der SPD still blieb, jedoch die Führerschaft des „Bundes der Guoten“ massive verbale Angriffe vortrug und der NSDAP vorwarf, sie habe in Königsberg die Kriminalpolizei auf den „Bund“ gehetzt. Der Bezirksleiter der NSDAP in Fischhausen, Schoepe, führte die Probleme mit dem „Bund“ auch darauf zurück, dass ein Teil der Parteigenossen der NSDAP auch Mitglieder des „Bundes“ gewesen seien und verlangte hartes Durchgreifen gegen diese (ehemaligen) Doppelmitglieder.6
Mitte April berichtete Schoepe von einem ruhigen Sprechabend in Muschaken (Kreis Osterode, Masuren), bei dem ca.60 Bauern und Landarbeiter anwesend waren, dies jedoch erst, nachdem die Partei auf den ursprünglich geplanten Eintrittspreis von 30 Pf. verzichtet hatte.7
In Fischhausen selbst herrschte trotz regen Besuches der Redeabende in der Partei dagegen Niedergeschlagenheit und Depression: „Hier in Fischhausen sieht es trübe aus. Unsere SA ist durch Fortzug in alle Winde zerstreut und ich muss ganz von vorne wieder anfangen. Unsere Sprechabende sind zwar überfüllt, jedoch die Schäflein sind zu begriffsstutzig <…>“.8 Schoepe beklagte sich außerdem über „maulige“ Zuhörer der KPD und Ausspähung durch die Gewerkschaften. In Schönbuch (Kreis Bartenstein) und Reichenau Muldzen (Kreis Gerdauen) gab es eher langweilige Veranstaltungen, bei denen einige Personen in die NSDAP eintraten und einige wenige Mark an Spenden zusammenkamen.9 In Fischhausen selbst musste eine Veranstaltung mit Gauleiter Koch ausfallen, weil kein Saal beschafft werden konnte.10
Den ganzen Sommer über hielt Schoepe dann Versammlungen ab, so u.a. in Fischhausen, Muschaken (Masuren) am 14.4., Godnicken, Seebad Neuhäuser, Nordenburg (Kreis Gerdauen), Gaffken, Markitten, Saalau, Medenau. Teils waren dies schwach besuchte und langweilige Veranstaltungen (dies u.a., weil die Gewerkschaften ihren Mitgliedern verboten hatten, an NSDAP-Abenden teilzunehmen und dies auch durch die Funktionäre überwachte), teils traten Redner der Linken auf, wurden dabei nach Worten von Schoepe aber abgefertigt.11 In Fischhausen versuchten Anhänger der KPD, die nach Angaben von Schoepe extra eingeladen worden waren, den Gesang der SA zu Beginn zu stören und wurden im weiteren Verlauf zur Ruhe verwiesen. Schließlich aber mussten sie, wie Schoepe angibt, dann doch den „Schwindel“ von Marx einsehen. Teils kam es zu Schlägereien, bei denen die langsam stärker werdende SA den Saalschutz für die NS-Redner übernahm. So wurden in Saalau am 9. 6. 1929 die offenbar zahlreich anwesenden Schreiner an die Luft befördert. In Medenau wurden Gewerkschaftsmitglieder offenbar von der SA in den Sprechabend getrieben. Der Redegegner von Schoepe, Alleit, begann ein Wortgefecht. Ihm wurde jedoch offenbar das Wort entzogen, was ein „Geheul“ der Linken ausgelöst habe. Die angeblich „marxistischen“ Landjäger der Polizei lösten dann die Veranstaltung auf. In einem anderen Ort kam es am 24.6. zu ähnlichem ‚Geschrei’. Währenddessen oder danach wurden die Wimpel und Ehrenzeichen der SA gestohlen und ein SA-Trupp auf dem Heimweg wurde vom Reichsbanner mit Waffen und Schlagringen angegriffen. In Kaukehmen fuhr die SA einen Tag vorher bewusst provokativ mit 25 Mann auf einem LWK in die Stadt. Angeblich in 6facher Überzahl, traute das Reichsbanner nach Angaben des Berichterstatters sich nicht zum Kampf. In ‚ehrenwerter’ Absicht rettete die SA angeblich einem zufällig vorbeikommenden Passanten das Leben. Es herrschte offensichtlich eine Atmosphäre von Gewalt und pubertärem Ehrenkodex.
In den Jahren 1930 – 32 steigerte sich die Intensität der Gewalt und nahm zeitweise rohe Formen an. So gingen Ende Juli 1932 in Groß Lindenau ganze Plakatklebekolonnen von KPD und NSDAP mit Steinen und Zaunlatten aufeinander los.12 Einzelnen Mitgliedern der jeweils anderen Seite wurde aufgelauert. Die Auseinandersetzungen trugen teilweise den Charakter eines Bandenkrieges. Zu den leichteren Formen zählte es, wenn etwa ein jüngerer Nazi-Anhänger von den Kommunisten eine „Maulschelle“ erhielt. In Palmnicken gingen SA und Linke bei einem Sprechabend mit Totschlägern, Schlagringen und Schreckschusspistolen aufeinander los. Die Gegner der NSDAP unter der Leitung des Gemeindevorstehers des Gemeindesekretärs und eines Schreiners, der als Kreisauschussmitglieder fungierte, waren zunächst als Zuhörer erschienen. Es kam, wie so häufig, zu verbalen Attacken und Gejohle. Die Gegner verließen zunächst den Saal, kamen dann über die Hintertür zurück, um die Schlägerei zu beginnen. Die Landjäger konnten nur mit Mühe die Ordnung wiederherstellen.13
Besonders intensiv war die Gewalt und Seerappen und Tannenwalde und ebbte auch bis zum Ende der Weimarer Republik nicht wirklich ab. In Seerappen etwa kam es zu einem teils chaotischen Hin und Her, als die NSDAP und die SA einen Marsch veranstalteten. Der SPD-Amtsvorsteher, Szellinski, den die Nationalsozialisten als hedonistisch und korrupt verunglimpften, versuchte mehrfach mit Polizeischutz den Marsch zu verhindern.14 Die SA musste Abzeichen und Braunhemden ablegen, marschierte aber dennoch weiter. Am nächsten Tag hielt Koch selbst eine Rede, bei der er jedoch seine Hakenkreuzarmbinde ablegen musste. Die SA resümierte mit Hohn: „Jedes Wort <Kochs> ist eine Ohrfeige für dieses System.“ Der Betrachter heute vergleicht diese Szenen mit nicht geringem Unbehagen mit den heutigen Aufmärschen der Neonazis etwa in Freiburg/Br., wo diese –glücklicherweise begleitet von Massenprotest verantwortlicher Bürger- auf Verlangen der Polizei ihre Abzeichen und Stiefel ablegen mussten. ‚Gemütlicher’ zu ging es bei anderer Gelegenheit, als die SA einen Rundmarsch von und nach Seerappen veranstaltete, unter Absingen von nationalsozialistischen Kampfliedern vor der Zentrale von Szellinski durch das Land zog und an verschiedenen Punkten mit Eintopf und Kuchen bewirtet wurde.15
Die NSDAP versuchte, so viele Leute wie möglich zu „bearbeiten“ und vor allem „den Marxisten zum Nationalsozialisten zu machen“.16 Dies nicht zuletzt auch aus Finanznöten. Man hatte jedes zahlende Parteimitglied bitter nötig.
Diese ‚zivile’ Methode kam jedoch häufig nicht zum Tragen, da die Gegner der Nationalsozialismus, insbesondere die KPD mit allen Mitteln versuchten, dem entgegenzuwirken. Es kam zu schweren Schlägereien und Saalschlachten und zu politischen Morden. Es kamen zum Einsatz: Schrotflinten, Bleiknüppel, federnde Schlagstöcke, Ketten, Messer, Schlagringe u.a.m. Die Nationalsozialisten gerieten teilweise in eine prekäre Lage: „Die Lage für uns ist nun dadurch recht kritisch geworden, sie wird sich erst dann wieder bessern, wenn es uns gelingt, die nächste SPD oder KPD Versammlung mit guter Haltung auffliegen zu lassen, das wird in der nächsten Zeit unser Ziel sein müssen.“17 Nicht nur die NSDAP hielt Veranstaltungen ab, sondern auch deren Gegner. Man ‚besuchte’ sich gewissermaßen gegenseitig, um die jeweilige Veranstaltung zu sprengen.
Ein Teil der SPD-Mitglieder wurde jedoch offenbar langsam anfällig, wie man bei der NSDAP eher überrascht registrierte. So z.B. bei einer Veranstaltung am 4. Mai 1931, bei der eines der Gründungsmitglieder der NSDAP Ostpreußen, Waldmar Magunia, im Rittergut Rogehnen bei Seerappen sprach. Nach Angaben der NSDAP „hielt <Magunia> während seiner langen Rede die SPD dermassen in Spannung, dass keiner einen Zwischenruf wagte; eine Tatsache, die wir bei uns bisher nie erlebten. <…> Die SPD <…> stand bei uns angenagelt und gab unseren Pg. in vielen Fällen durch lauten energischen Zuruf recht.“18 Ob dies nur inszeniert war und die angegebenen „SPD-Mitglieder“ tatsächlich auch solche waren oder ob hier nur Tatsachen vorgespiegelt wurden, wird sich nur schwer feststellen lassen. Dennoch steigerte die NSDAP in Seerappen ihre Mitgliederzahl, dies insbesondere ab Juli 1931.
Neben diesen Brennpunkten des politischen Kampfes gab es jedoch auch Gegenden, in denen es meist eher ruhig zuging, so etwa in Trutenau. Dort kämpften die örtlichen Funktionäre der NSDAP eher mit der Armut und der Apathie ihrer Adressaten. Viele Parteimitglieder und –anhänger waren zu arm, um die Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Man musste eine günstige Jahreszeit (Ernteerträge etc.) abwarten, um an Geld zu kommen. Über sonstige Aktivitäten berichtete man kurz: „Der polt. Gegner zeigt außer kleineren Reibereien keine besondere Tätigkeit. Die Ortsgruppe hielt wöchentlich 2 Stunden Freiübungen, gemeinsame Märsche, Singen u. Spiele fördern die Kameradschaft.“
19 Insgesamt erreichten die Nationalsozialisten jedoch große Breitenwirkung. Letztlich zählte es zur ihrer Strategie, das verhasste Weimarer ‚System’, also die Demokratie durch Propaganda und Gewalt zu destabilisieren. Entgegen der ständigen Appelle an ‚Anstand’ und vor allem auch ‚Ordnung’ stand die Eroberung von Staat und Gesellschaft auch mit den brutalsten Mitteln an oberster Stelle.
Dementsprechend reagierte man auch nur halbherzig bzw. gar nicht auf die Handlungen von zwielichtigen Gestalten auch in leitender Position, die in der NSDAP durchaus Eingang fanden. So agierte bei der Ortsgruppe Cranz, die am 1.6.1925 durch den bereits erwähnten Postbediensteten Stobbe formell gegründet wurde, ein krimineller Zeitgenosse als Schriftführer und Kassenleiter. Obwohl er zu Alkohol, sexuellen Exzessen und zu Untreue neigte und auch zwischenzeitlich aus der Partei ausgeschlossen wurde, erhielt er
nach einiger Zeit nachnachddch einiger Zeit wieder ein Amt in der Ortsgruppe.20
wieder ein Amt in der Ortsgruppe.20 Im Ostseebad Georgenswalde in der Umgebung von Rauschen beschwerte sich der Rittergutsbesitzer Rade, der die Ortsgruppe gegründet hatte, danach aber wegen des „Linksrucks“ der NSDAP Ende 1932 ausgetreten und danach in die DNVP eingetreten war, dass er vom amtierenden Ortsgruppenleiter Lehmann erpresst und verunglimpft werde. Lehmann bezichtigte Rade der reaktionären Ausbeutung der Landarbeiter, begann eine Rufmordkampagne und regte ein Parteiverfahren gegen ihn an. Gleichzeitig betrank er sich offenbar mehrfach und ließ die Zeche Rade anschreiben. Rade, der eine Allianz zwischen DNVP und NSDAP („Schwarz-Weiß-Rot mit Hakenkreuz“) anstrebte, sah seine gesellschaftliche Stellung in Gefahr.21
Teilweise fanden auch brutale Gewalttäter ihren Weg in die Partei. So etwa in Tannenwalde, wo der Ortsgruppenleiter auch offenbar vor rohen Ausschreitungen nicht zurückschreckte. Er war ein Freund des Kreisleiters Schoepe und versuchte mit Verleumdung, Lüge und Rufmordkampagnen in der Presse jeglichen Widerstand innerhalb und außerhalb der Partei gegen sich zu ersticken. Alkohol und Prügeleien vervollständigten das Bild seines Charakters. Die örtlichen, sich als ‚anständig’ verstehenden Parteimitglieder wandten sich verzweifelt an die Gauleitung, um die Abberufung zu erreichen. Die ganze Widersprüchlichkeit der nationalsozialistischen Bewegung wird dabei deutlich. Die Petenten bezichtigten den Ortgruppenleiter einer „wahrlich bolschewistischen Einstellung, seiner russischen Veranlagung (er geht auf seine Frau mit der Reitpeitsche los), außerdem versteht er nichts von Organisation. Die SA hat keine Anordnungen, niemand ist sich seines Zugehörens zum Führer mehr bewusst, denn seine gemeine Art“ verhindere dies. „Es muß wieder Ruhe und Ordnung einkehren, das ist das Verlangen aller besseren Elemente in unserer Bewegung. Das sind wir unserem Führer schuldig, das in Erscheinen, Opfermut und Selbstverleugnung eine reine Sittenlehre uns vorangeht.“22 Die Beschwerdeführer begriffen nicht, dass es dem nationalsozialistischen Regime letztlich gar nicht auf „Ruhe und Ordnung“ ankam, sondern auf Hass, Gewalt und Vernichtung der angeblichen Feinde des ‚Ariertums’.
Eher lächerlich machte sich dagegen so manche Aktivität im Freizeitberich aus. So drang der politisch-ideologische Kampf bis an die Strände der Ostsee vor. Im Seebad Cranz wurde der heroische Geist mittels der Errichtung „nationaler“ Sandburgen zelebriert, auf die dann die Fahne „Schwarz-Weiß-Rot“ bzw. die Hakenkreuzflagge gesteckt wurden. Dies geschah jeden Morgen durch ‚militärisch korrektes’ Zeremoniell des Sohnes des Cranzer Stadtpfarrers, der zur Freude und Erbauung so mancher Weltkriegkämpfer und nationaler Gesinnungsgenossen am Strand mit einer Kolonne von Jungen anmarschiert kam und die Flaggenhissung vornahm. Der Amtsvorsteher von Cranz, der wie offenbar auch noch etlichen anderen Orten der SPD angehörte23, ließ daraufhin die Fahnen von der Polizei entfernen, was einen Proteststurm der nationalen Kräfte auslöste. Diese beschwerten sich beim Landrat, der die Flaggen dann wieder hissen ließ.24
Dem Betrachter bietet sich durchaus eine Art von Komik dar. Dass allerdings nach der Wende 1989/90 „nationale Kräfte“ am Strand von Usedom eine Zeit lang versuchten, durch Gewalt gegen Ausländer und langhaarige Menschen „deutsche Ordnung“ und „national befreite Zonen“ herzustellen, nimmt sich im Lichte des Unsinns am Cranzer Strand 60 Jahre zuvor nicht gerade erhebend aus.25
Die NSDAP jedenfalls beschwerte sich mit teils lamoryanten Worten bei der Presse, wie sie dies teils auch bei den Behörden tat, wenn es wieder zu Ausschreitungen gekommen war. Sie stellte sich dabei als harmloses Opfer dar und verlangte die Wahrung ihrer ‚verfassungsmäßigen’ Rechte als Partei.26 Dass sie selbst ihre Schläger ausgeschickt hatte, um die demokratische Verfassung zu vernichten, blieb freilich unerwähnt. Die angeblichen ‚Rechte’ wurden selbst zum Kampfmittel, um allen Widerstand gegen den eigenen Terror zu brechen.





c. Von Tag zu Tag: Die allgemeine Werbearbeit der NSDAP zwischen Brutalität und Routine

Die Ausbreitung der Partei im Samland war nicht ständig von Gewalt begleitet, sondern lief nicht selten auch routinemäßig unter Anwendung ‚normaler’, propagandistischer Mittel ab. Dennoch gab es praktisch keine Woche, in der es nicht zu Ausschreitungen kam. Die Anwendung von Gewalt bedeutete freilich nicht, dass die anderen, ‚friedlicheren’ Methoden ausgesetzt gewesen seien. Das Verprügeln von Gegnern ging Hand in Hand mit dem Verteilen von Handzetteln und dem Kleben von Plakaten.

Die folgenden Beispiele geben einen recht guten Einblick in ‚durchschnittliche’ Routinearbeit. So berichtet die Kreisleitung Fischhausen über ihre Versammlungstätigkeiten im Januar 1930:

„Pg. Schoepe sprach am:
10.1. in Neuendorf (Gut), Besuch ca. 40 Landarbeiter (60% marxistisch), Saalschutz: SA 43. <Sturm> 6 Mann. Stimmung gut, während des Vortrages Totenstille, einstimmig gebeten, wieder zu kommen „die Nazis haben recht“.

18.1. in Cranz, Besuch: ca.400 Besucher 60% marxistisch, Saal überfüllt, Saalschutz:15 S.A. Königsberg, Störungsversuche durch aus Kgb. verstärktes Reichsbanner, Ortsgruppengründung, 18 Aufnahmen davon O.G. (ca 10).

20.1. Thierenberg, Besuch: fast ausnahmslos S.P.D. 200 Personen, Saalschutz: 8 S.A. 43. <Sturm>, Gegner ausnahmslos mit armdicken Knüppeln bewaffnet, Störungstumulte. Abzug der Horde, einzelne wieder hereingekommen. Versammlung mit Mühe durchgeführt, Ergebnis: Zweistündige Einzelunterhaltung mit den Marxisten. 3 Aufnahmen. 3 O.G.

21.1. Gaffken (Gut), Besuch: ca. 40 Landarbeiter 60% marxistisch, Verlauf ruhig, Ergebnis: 2 Aufnahmen 1 O.-G.

22.1. Kallen (Gut), Besuch ca. 50 Personen (90% marxistisch), Saalschutz 2 Mann St. 43. <Sturm>, Verlauf: Totenstille, sollen baldigst wiederkommen, vor dem Lokal tobte Reichsbanner Norgau (?) und R<ot>.F<frontkämpfer>.B<und>. Fischh<ausen>, Ergebnis: 1 Aufnahme, 10 O-G.

23.1. Heil. Kreuz (?), Besuch: 130 Marxisten mit Bonzen, Saalschutz: 2 S.A. 43. <Sturm>, Störungsversuche, Hetze des Genossen Alleit. Hat dennoch eingeschlagen, obwohl Alleit nach seinem Gehetze alle zwang, das Lokal zu verlassen. Ergebnis: 6 M Sammlung u. 3 O.-G.

24.1. Gr.Kuhren, Besuch: 200 Besucher (70% marxistisch), Saalschutz 2 S.A. 43. <Sturm>, Verlauf: Totenstille, Aufnahmen konnten jedoch noch nicht gemacht werden. 2 O.-G.

25.1. Rauschen, Besuch: 200 Personen 40% marxistisch, Saalschutz 12 S.A. 43<.Sturm> + 12 S.A. Kgb. Verlauf: sehr ruhig – Begeisterung. Wegen vorgeschrittener Zeit konnte O.G. nicht mehr gegründet werden. Sammlungsergebnis: 5 R M.

26.1. Neukuhren, Besuch ca 175 Personen (gemischt), Saalschutz wie 25.1., Verlauf: sehr ruhig, sehr großer Beifall, Ergebnis: 1 RM Sammlung, 6 Aufnahmen 4 O.-G.

27.1. Pobethen, Besuch: 175 – 200 Personen (70% S.P.D.), Saalschutz: 1 S.A. 43<.Sturm>! Verlauf: zunächst Störungsversuche, still und stiller bis zum atemlosen Zuhören, Ergebnis: selbst von den Radaubrüdern wird in den Kampfschutz geopfert; gingen wie aus der Kirche heim, 10 Aufnahmen, 3 O.-G.

28.1. Grünhaff (?), Besuch: 80 Landarbeiter (gemischt), Saalschutz S.A. 43 <.Sturm> neuer Truppe Cranz 12 Mann! Verlauf: reibungslos, Ergebnis: 10 Aufnahmen (O.G.) 6 O.-G.

29.1. Neuhäuser, Besuch: ca. 50 Personen (davon 30 Rotfront Pillau mit Bonzen Reich),
Saalschutz: 11 S.A. 43 <.Sturm>, Verlauf reibungslos; Genosse reich äußerst sachlich. Ergebnis: 1 Aufnahme, 2 O.-G.

30.1. Medenau, Besuch: 200 Personen, 50% Reichsb<anner>, Saalschutz: 6 S-A Stud<enten>.bund, nach der Versammlung 30 S.-A. Kgb. Verlauf: zunächst starke Unruhe, nachdem Reichsbanner abgezogen, reibungslos, Ergebnis: 8 Aufnahmen, 5 O.-G.

<Fazit:>
Gesamtaufnahmen 59 Pg.
O-G. Bestellungen 51
Bauern und Siedlerbund 2 Aufn.“27

Die Zahlen sind mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, da die Funktionäre allgemein darum bemüht waren, einen guten Eindruck bei der Gauleitung zu machen. Auch weiß man nicht, wie es in den „neu bestellten“ Ortsgruppen aussah. Die Reaktionen des anwesenden Publikum, soweit es nicht zum Widerstand gegen die NSDAP gehörte, hinterlassen jedoch einen düsteren Eindruck.
Einen Einblick in die ‚durchschnittlichen’ Tätigkeiten während eines Wahlkampfes gibt eine Auflistung der Kreisleitung Fischhausen/Königsberg-Land über den Wahlkampf im Oktober 1932 (Reichstagswahl).28
Man hielte 80 kleinere und 25 größere Veranstaltungen (sog. „Deutsche Abende“) ab. Große Kundgebungen fanden in Pillau (mit Koch: insgesamt 600 Zuhörer), in Cranz (mit Koch, insgesamt 500 Zuhörer) und in Fischhausen (mit Kreisleiter Schoepe, insgesamt 500 Zuhörer) statt. Man unternahm 4 große LKW-Propagandafahrten nach:
- Nordküste
- Südküste und mittleres Samland
- Haffküste im Kreis Königsberg-Land
- Landkreis Königsberg-Süd
Man setzte „wandernde Litfasssäulen“ u.a. in Cranz, Fischhausen, Pillau und Rauschen ein und hängte ebenda auch Leuchttransparente auf. Die übliche Wahlpropaganda mit Flugblättern und Plakaten kam ebenfalls zum Einsatz.
Die Gewalt durfte ebenfalls nicht fehlen. So sprengte man die größeren Kundgebungen der konservativen DNVP gewaltsam, obwohl diese sich eigentlich eher Verbündeter der NSDAP verstand. Zu „Terrorfällen“ kam es in Fischhausen, Pillau, Waldau, Tannenwalde, Cranz und Schaaken. In Schaaken wurde der OGL Friedrich, Schmiedehnen durch Messerstiche und Schläge mit der Wagenrunge schwer verwundet.
Wie man sieht, fanden die Aktionen hauptsächlich in den größeren Orten statt. In den kleinen Dörfern dürften, wenn überhaupt, wohl nur vereinzelte Aktionen abgelaufen sein. Dies hing in erster Linie vom Elan der örtlichen NSDAP-Vertreter ab. Einen Überblick über das Parteileben der Ortsgruppe Medenau, die noch zu den größeren gehörte und dazu noch im Hauptkampfgebiet zwischen Fischhausen und Königsberg lag, gibt deren Bericht aus dem Jahre 1932 (ausgewählte Monate, jeweils alle Aktivitäten aufgelistet)29:

6. Januar: Versammlung in Medenau (<Redner> Lebrecht)
11. Januar: Mitgliederversammlung
19. Januar: Schulungsabend
27. Januar: Versammlung in Medenau (<Redner> Schoepe)

12. Februar: Versammlung in Medenau (<Redner> Haas)
16. Februar: Mitgliederversammlung

3.April: 350 Zeitungen verteilt
4. April: Versammlung in Medenau (<Redner> Richter)
7. April: Versammlung in Ziegenberg (<Redner> Lehmann)
9. April: Versammlung in Medenau (<Redner> Höger) 350 Zeitungen und Flugblätter verteilt
13. April: Versammlung in Medenau (<Redner> Scholz)
16. April: Versammlung in Wischehnen (<Redner> Walendy)
17. April: 350 Zeitungen und Flugblätter verteilt
20. April: Versammlung in Medenau (<Redner> Gans)
22. April: Flugblätter in Groß Blumenau verteilt
23. April: 350 Zeitungen und Flugblätter verteilt

1. November: Zellenversammlung in Cumehnen
2. November: Blockabend in Wischehnen
4. November: Versammlung in Medenau (<Redner> Dr. Lau)
20. November: Kirchgang
24. November: Zellenversammlung in Medenau
25. November: Zellenversammlung in Cumehnen, 850 Zeitungen und 1300 Flugblätter verteilt“





d. Am Rande und in relativer Ruhe: Schaaksvitte 1928 – 1933

Schaaksvitte lag in einiger Entfernung zu den ‚Hauptkampfgebieten’, die sich hauptsächlich in Königsberg bzw. den Gemeinden westlich davon befanden. Größere oder langandauernde Auseinandersetzungen fanden in dem kleinen Fischerdorf offensichtlich nicht statt. Es scheint eher gemütlich zugegangen zu sein. Immerhin aber sind von der Ortsgruppe (zunächst nur Stützpunkt) immerhin Organisationsmeldungen an die Gauleitung verschickt worden, d.h. man war in den Organisationsgang der Partei eingebunden. Zur OG Schaaksvitte gehörte u.a. auch die Ortschaft Schaaken, in der sich auch die Kirche für die Umgegend befand. Es gab mehr oder weniger regelmäßige Versammlungen der Ortsgruppe, dies insbesondere, wenn ein höheres Parteimitglied, meist der Kreisleiter, vorbeikam. So etwa am 17. Februar 1931:

„Öffentliche Versammlung mit Kreisleiter Pg. Mongowius als Redner über das Thema „Die heutige politische Lage“. Anwesend ca. 200 Personen. Die Stimmung unter den Zuhörern war sehr gut. Zur Diskussion meldete sich keiner. Die im vorigen Jahr gegründete Ortsgruppe war infolge der nicht einzubekommenden Beiträge eingeschlafen. Pg. Mongowius hat durch seine Rede einen neuen Geist hinein gebracht und die Ortsgruppe mit 18 Pg. neu aufgezogen.
Es wurden im Febr. 3 Pr<eussische>. Z<eitung>. Bezieher geworben. (Weiss, Vorläufiger Schriftwart).“30

Wie oben berichtet wurde, hatte ab dem Oktober 1930 eine Wiederbelebung der NSDAP infolge der guten Ergebnisse in der Reichstagswahl ihren Anfang genommen. Der Aufschwung, den die OG Schaaksvitte nahm, fiel also zeitlich in den allgemeinen Aufschwung.31 Die Mitgliederzahl belief sich anfangs auf 15, steigerte sich bis Anfang 1931 auf 24 und betrug am 1. März 1931 30. Dazu kamen noch 8 Parteigenossen in Liska-Schaaken, 2 Thiemsdorf, 2 in Kirche Schaaken (wohl der Pfarrer), 2 in Schmiedehnen und 2 in Guntehnen. Der Parteieintritt von Hans Lemke erfolgte am 1. August 1931, also kurz danach, aber ebenfalls in der Zeit des Auschwungs der NSDAP.32



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Daten aus der NSDAP-Mitgliedskarte von Hans Lemke

Mitgliedsnummer: 61775  Name: Hans Lemke 
Geboren: 8.11.1896  In: Schaaksvitte 
Eingetreten: 1. August 1931  Beruf: Schneider 
Wohnung: Schaaksvitte  Ortsgruppe: Schaaksvitte / Ostpr. 
Quelle: Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde  Bemerkung: ein Faksimile der Mitgliedskarte kann aus rechtlichen und technischen Gründen erst später eingestellt werden. 


Kommentar:

Nach den vorliegenden Informationen (Aussage von Herbert Laubstein, dessen Familie der SPD nahe stand), gehörte Hans Lemke nicht zu den aktiven Nationalsozialisten und spiegelte so das eher moderate Gesamtbild Schaaksvittes wieder. Es gab jedoch einige überzeugte nationalsozialistische Familien in Schaaksvitte, die vom Regime psychologisch und materiell profitierten und entsprechend aggressive Grundhaltungen auch gegenüber sog. 'Nichtdeutschen' und Regimegegnern hatten. Von dort kamen vermutlich auch Denunziationen.
Diese Zusammenhänge auf lokaler Ebene tragen vielleicht auf interessante, wenn auch begrenzte Weise zur Differenzierung der neueren Thesen von Götz Aly bei.

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Einen Eindruck über die Verhältnisse gibt auch der Bericht vom 21. Januar 1932: „Bericht über die Versammlung am 21. d. Mts. in Liska Schaaken, veranstaltet von der Ortsgruppe Schaaksvitte. Redner Salza Kgb. Über das Thema „Arbeitslos“. Die Versammlung war sehr gut mit Landarbeitern besucht, sowie Kommune und SPD waren vertreten. Der Redner verstand es durch seine Ausführungen die Teilnehmer an sich zu fesseln. Diskutionsredner Graue (Knöppelsdorf) von der SPD versuchte durch abgedroschene Phrasen die Teilnehmer zu betören. Beim Schlusswort verließ ein großer Teil von der SPD den Saal. Trotzdem blieb ein großer Teil zurück, und hörte die Schlussrede an. Wir können auch jetzt schon mit ruhigem Gewissen einen großen Erfolg in diesem letzten (?) Nest verzeichnen. Heil, Willy Schleik (?)“33

Eines der wohl wenigen einschneidenden Ereignisse fand am 24. Oktober 1932 im Zuge der Kämpfe vor Reichstagswahl statt. In Schaaken wurde ein Parteimitglieder aus Schmidehnen, der dortige OGL Friedrich durch „Messerstiche und Schläge mit der Wagenrunge“ schwer verletzt.34 Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

An diesem Punkt enden die überlieferten Quellen. Da sich die meisten Akten der Zeit nach 1933 bei Kriegsende wohl noch in den Dienststellen bzw. deren Registraturen befanden, dürfte von ihnen nicht mehr viel übrig geblieben sein. Eine geringe Chance besteht, dass einige Akten vielleicht noch in russischen Archiven sind. Da der Zugang zu diesen aber sehr schwer ist, dürften auf absehbare Zeit keine weiteren Erkenntnisse zur NSDAP in Schaaksvitte zu erwarten sein. Es kann vermutet werden, dass in dem Dorf und seiner Umgebung bis zu den dramatischen Ereignisse 1944/45 ruhiges Leben herrschte, dass nur gelegentlich durch übergeordnete Ereignisse (z.B. Musterungen, Einziehungen zum Krieg) unterbrochen wurde.

1

Die Ausführungen in diesem Kapitel basieren im Wesentlichen, und wo nicht anders angegeben, auf der Dissertation von Christian Rohrer, Nationalsozialistische Macht in Ostpreußen, München 2006, S. 35 – 282.

2

Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1939, S. 504 – 517 und S. 649 – 669.

3

Beide Zitate nach Rohrer (wie Anm. 1), S. 172f.

4

Das Folgende stellt eine Zusammenfassung der Akten in: GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44 und C 45 dar.

5

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 12, Pankow an Stobbe, 12.9.1924.

6

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 17, Schoepe an Gauleiter Koch, 18.3.1929.

7

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 18, Schoepe an die Gauleiter, 16.4.1929. Schoepe musste, wohl nicht zuletzt mangels anderer Redner, auch in Orten außerhalb des Samlandes auftreten.

8

Ebda.

9

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 22, Schoepe an die Gauleitung, 15.5.1929. Die Orte befanden sich teilweise in derart entlegenen Gegenden, dass Schoepe (z.B. Muldzen) erst einmal fragen musste, wo sie zu finden waren.

10

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 23, Schoepe an die Gauleitung, o.D.

11

Zum Folgenden vgl. GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 25f., Versammlungen des Pg. Schoepe vom 1.4.1929 – 4.7.1929. Es dürfte klar sein, dass die Schilderungen von Schoepe einen sehr stark affirmativen, bisweilen auch übertriebenen Ton trugen. Die Wertungen, die hier weitgehend neutral wiedergegeben werden, sind geprägt von seiner Propagandatätigkeit. Die Gegner wurden als böswillige Störer verurteilt, die der ‚gerechten Sache’ der NSDAP Abbruch tun. Schoepe dürfte sich de Facto sehr wohl im Klaren gewesen sein, dass seine Aktionen bewusste Provokationen darstellten, um die der NSDAP zugeneigten Bevölkerungskreise ansprechen zu können. So wurden beispielsweise Kommunisten als „Moskowiter“ denunziert.

12

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 120, Bericht des OGL Simoneit, 1.8.1932.

13

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 182f., Bericht des Versammlungsleiters Schuk, 29.7.1932.

14

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 267, o.D.

15

Ebda., Bl. 272, Bericht, o.D., des Ortsgruppenleiters.

16

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 273, Tätigkeitsbericht der Ortsgruppe Seerappen, 1.6.1931. Vgl. –auch zum Folgenden- zus. die weiteren Berichte.

17

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 285, Tätigkeitsbericht der Ortsgruppe Seerappen für Januar 1932.

18

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 273, Tätigkeitsbericht der Ortsgruppe Seerappen, 1.6.1931.

19

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 308, Monatlicher Tätigkeitsbericht der Ortsgruppe Trutenau, 31.5.1932.

20

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 3, Vermerk des OGL Horst von Drygalski, 23.6.1944.

21

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 241 – 246, mehrere Schreiben von Major a.D. Rade an die NSDAP-Gauleitung in Königsberg, 1932/33.

22

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 299f., Schreiben von W. Pauly an die Gau-Propagandaleitung der NSDAP, 10.1.1933. Vgl. auch Schreiben vom 22.12.32, ebda., Bl. 298.

23

Diese Tatsache lässt erahnen, dass die demokratischen Parteien durchaus noch Rückhalt bei den Wählern hatten und auch teils mit Courage gegen die Nationalsozialisten vorgingen. Ein Vergleich mit der Situation heute, insbesondere im Osten Deutschlands, lässt den Betrachter durchaus schaudern.

24

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 6, ”Die Flagge schwarz – weiss – rot”, o.D.

25

ARD-Magazin Panorama, Sendung vom 17.9.98:Weitere Berichte im Internet leicht zugänglich.

26

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 71 – 73, NSDAP Fischhausen an den Magistrat der Stadt Fischhausen, 2.12.1929. Vgl. auch ebda. Bl. 39, NSDAP Cranz an die Schriftleitung der Preussischen Zeitung, Königsberg, 26.7.1932.

27

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 28, Versammlungsbericht Januar 1930, Kreisleitung Fischhausen.

28

Zum Folgenden vgl. GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 34, NSDAP-Kreisleitung Fischhausen/Königsberg-Land an die Gaupropagandaleitung, 10.11.1932.

29

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 157 – 159, Tätigkeit der Ortsgruppe Medenau im Jahre 1932.

30

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 259, NSDAP-Ortsgruppe Schaaksvitte, Beschaffenheitsbericht für Monat Februar 1931, 24.2.1931. Dazu auch GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 44, Bl. 33, NSDAP, Bezirk Gross-Königsberg an die Gaupropagandaleitung, 5.3.1931.

31

Zum Folgenden vgl. GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 260 – 264, Organisationsmeldungen der OG Schaaksvitte 1930/31.

32

BA-Berlin (Lichterfelde), Mitgliederkartei NSDAP, Karteinummer 617675, Hans Lemke.

33

GStA PK, XX. HA, Rep. 240 NSDAP-Gauarchiv, C 45, Bl. 265, Bericht über die Versammlung am 21. Januar 1932 in Liska Schaaken, veranstaltet von der OG Schaaksvitte, 23.1.1932.

34

Dazu oben in Kap. c.





Die Lebenserinnerungen des Fischers Gustav Schütz









Als jüngster Sohn des Fischers Ludwig Schütz und seiner Ehefrau Wilhelmine geborene Ernst, bin ich am 17. Mai 1879 in der: damaligen Adl. Sand, einem kleinen Fischerdorf am Kurischen Haff/Ostpreußen, geboren.
Unser Haus war das Östlichste der sechs Häuser, aus denen das ganze Dorf bestand. Es stand in der Richtung Norden zu Süden. Im Nordende wohnten meine Eltern und im Südende ein Fischer Karl Petruck.
Bei Sturm kam es vor, daß die Wellenspritzer bis ins Fenster schlugen, was heute durch Befestigung des Strandes mit großen Steinsblöcken verhindert wird.
Auch ist der damalige leidliche Weg zwischen Häuser und Haff durch eine hohe Kieschaussee ersetzt, was einer Überflutung vom Haff aus vorbeugt; was früher jedoch oft vorkam.
Das größte und anhaltenste Hochwasser war am Kurischen Haff im Jahre 1888.
Damals rührte es allerdings von keiner Sturmflut her, sondern von der Schneeschlmelze .

Der Schnee lag in jenem Winter so hoch, daß man das Dach des Nachbarhauses nicht sehen konnte. An ein zur Schule gehen nach dem 4 1/2 km entfernten Steinort, war nicht zu denken.

Die anfängliche Schneeschmelze nahm ja das Haff im Frühjahr noch auf. Solche Wässermassen konnte jedoch das Memeler Tief nicht schaffen, um sie der Ostsee zuzuführen. Folglich wehrte sich das Haff der weiteren Aufnahme.

In unserer Wohnstube stand das Wasser etwa 1 Fuß hoch. Ein notdürftiger Bohlenbelag auf breite Dränagerohre ermöglichte noch den Aufenthalt für einige Personen. Pferd und Viehzeug waren schon vorher 3 km landeinwärts zu dem Wesselhöfener Vorwerk mit Kähnen gebracht worden. Mich selbst brachten meine Eltern zu dem Schaaksvitter Vorwerk. Rundum war das Gehöft auch mit Wasser umgeben. Die zwei Wohnstuben waren noch trocken.
Eines Tages gewahrten wir eine etwa 3oo qm große Eisfläche auf das Gehöft zukommen. "Na, die beiden meterdicken Pappeln werden das Eis wohl aufhalten" sagte der Wohnungsinhaber. Da schrie aber auch schon die alte Frau Klemusch aus der anderen Stube, wo das Eis durch die Wand bis zur Stubenmitte durchgekommen war.

Der Verkehr von Ort zu Ort erfolgte nur per Kahn. Fischer setzten ihre Netze 2 bis 3 km vom Haff entfernt auf Wiesen und Acker aus, wo sie, wie ich einmal selbst gesehen habe als ich mitgefahren war, mitunter guten Fang machten. Die Dauer des damaligen Hochwassers schätze ich auf vier Wochen.



Meine Kinderjahre kann ich als keine rosigen Jahre bezeichnen. Mit zwölf Jahren mußte ich im Sommer mit meinem Vater aufs Haff fahren. Obwohl er sich redlich Mühe gab, das Keitelnetz frühzeitig einzuziehen, waren meine Schulkameraden doch schon immer weg. Dann machte ich den Schulweg alleine. Dann gelaufen, hast du, was kannst du.
Ohne Frühstück, 4 1/2 km, wie schon zuvor erwähnt. Zu spät kam ich fast immer. Aber der Lehrer Friederizi hatte ein Einsehen mit mir und ließ mich sofort auf meinen Platz gehen.
Kam ich aus der Schule nach Hause, ging es nit dem Bücherranzen unterm Arm auf die Viehweide zum Hüten, bis ich wieder zum Hafffahren geholt wurde.
Im Herbst mußte ich vielfach mit meiner Mutter nach dem 32 km entfernten Königsberg mit dem Fuhrwerk fahren, um Fische zu verkaufer.. Der Weg von Sand bis Schaaksvitte hatte eine grundlose Viehtrifft, die nur bei Tage passierbar war. Abscheulich fand ich solche Reisen, zumal die Schaaksvitter Fischerwagen, wo die Chaussee anfing, 7 bis 8 Stunden später abfahren konnten und auch noch rechtzeitig in Königsberg ankamen.

Im Jahre 1897 kauften meine Eltern ein Anwesen in Schaaksvitte am Kurischen Haff für siebenhundert Thaler. Das Haus war mit Stroh und Rohr gedeckt, während der Stall Pfannendach hatte. Bis zum 1. Oktober 1900 betrieb ich zusammen mit meinem Vater die Fischerei.

Dann wurde ich zur Kaiserlichen Marine eingezogen. Kasernenleben kenne ich nicht, da ich gleich nach der Einkleidung an Bord von S.M.S. Kaiser Wilhelm II kam, einem damaligen neuesten Linienschiff mit 7o8 Mann Besatzung. Fahrten habe ich auf demselben nach Norwegen, Irland und Cadiz (Südspitze Spaniens) gemacht. Am besten hat es mir in Spanien gefallen, wo man für einen Peseta (gleich 0,80 M) eine gute Flasche Wein bekam.
Als ich im September 19o2 auf Reklamation meiner Eltern von der Marine entlassen wurde, fand ich meinen Vater, der keinem Unrecht tat, aber auch ungern Unrecht duldete, als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei vor. War er dem damaligen Staatlichen Fischmeister Nebel und dem Amtsvorsteher Karl Schucht schon immer ein Dorn im Auge gewesen, so ließen die beiden Herren ihm ihre Wut jetzt richtig entgelten, wo sie es konnten, auch wo sie es nicht konnten.

Im Jahre 19o3 heiratete ich. Als mein Vater im September 19o9 starb, wurde ich SPD-Mitglied.
In unserem Dorf war es üblich, daß der jeweilige Gutsbesitzer - einer war es nur mit 82o Morgen - 4 Pferde und einen Kutscher für den Leichenwagen stellte, um die Leiche zu dem 4 km entfernten Friedhof zu schaffen. Herr Böckenkamp, der Gutsbesitzer, war dahin bearbeitet worden, daß er mir erklärte, er müsse pflügen. Daß mir ein Besitzer Hempel aus dem Nachbardorf helfen würde, auf den Gedanken war keiner gekommen. Zwei Pfarrer fungierten an unserer Kirche. Der erste, bei dem ich wegen der Grabrede vorsprach, erklärte, er müsse am Tage vor dem Begräbnis verreisen und der zweite Pfarrer konnte sein Verreisen am frühen Morgen des Begräbnisses nicht aufschieben. Daß einer von beiden verreist war, bezweifle ich sehr. Der Kantor hat schließlich die Grabrede gehalten und alles erledigt.

Der Haß, der bis dahin meinem Vater gegolten hatte, ging jetzt auf mich über. Als am 2. August 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, glaubte ich, daß der Haß der Patrioten versiegen würde, worin ich mich allerdings geirrt hatte. Im Sommer 1915 lief bei meinem Truppenteil, der 3. Kompanie, 1. Battl., 1. Matrosenregiment, von meinem Amtsvorsteher Schucht eine Anzeige gegen mich ein. Es war ein langes Register, was mir der Kompanieführer, Hauptmann Harndorf, in seiner Wohnung in Middelkerke im Beisein des Kompaniefeldwebels Reinsdorf vorlas. Als er damit fertig war, fragte mich der Hauptmann, was ich dazu zu sagen hätte. Ich antwortete, ja, der Amtsvorsteher hat noch was in der Anzeige vergessen. Na was denn, fragte der Hauptmann neugierig. Worauf ich erwiderte, er hätte doch noch schreiben müssen, stellet Schütz in den Kampf, da er am härtesten ist, auf daß er erschlagen werde und sterbe.

Die drei Hauptbelastungspunkte waren folgende :
1. Ich sei Sozialdemokrat

2. Ich hätte in meiner Wohnung sozialdemokratische Versammlungen abgehalten

3. Ich wäre ein zu Gewalttätigkeiten neigender Mensch.

Sind sie Sozialdemokrat, fragte mich der Herr Hauptmann. Jawohl, ich bin. Warum sind sie Sozialdemokrat? Worauf ich erwiderte, Herr Hauptmann, ich bin 36 Jahre alt und mein Vater starb im 78. Lebensjahr. Weder er noch ich hatten jemals im Leben etwas Gutes vom Vaterland. Worauf ich ihm dann noch einige Repressalien schilderte. Das ist doch nicht möglich, rief der Hauptmann. Ich entgegnete, in der Kompanie ist mein Schul- und Kriegskamerad Friedrich Lateit, der kann es bezeugen. Punkt zwei beantwortete ich auch mit ja. Hatte doch sogar der damalige Sparkassenrendant und spätere Ministerpräsident Braun bei mir zwei Versammlungen abgehalten. Zu Punkt drei erklärte ich, würde mich doch der Herr Hauptmann zur Genüge kennen.

Nach etwa sechs Wochen kam "von oben herab", das Verfahren sei eingestellt.



Ob beide, Amtsvorsteher Karl Schucht und der Staatliche Fischmeister Nebel selig gestorben sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Ersterer hat seine letzten 5 Jahre in einer eingebauten Kammer im Schweinestall zubringen müssen. Nicht etwa aus Armut - er hatte einen reichen Schwiegersohn - sondern des "Geruches" wegen, den er verbreitete.

Fischmeister Nebel wurde im Jahre 1919 pensioniert. Gelegentlich eines Zusammentreffens im Gasthaus "Roter Krug" in Schaaks-vitte äußerte er mir gegenüber kleinlaut, Schütz, sie werden mir das noch nicht nachtragen, was ich ihnen zu viel getan habe. Worauf ich ihm eine beruhigende Antwort gab. Kaufen konnte ich mir für dieses Geständnis nichts.



Ich komme noch einmal auf meinen Geburtsort Sand zu sprechen, wo ich im Winter 1945 einige Tage, nachdem die Front vorüber und wo meine Schwester wohnhaft war, die heute, wo ich dieses niederschreibe, in Seehausen bei Magdeburg, kampiert.

Am Südgiebel meines Geburtshauses ist ein kleiner Friedhof angelegt. Dort ruhen an vierzig Flüchtlinge, die zum größten Teil ich selbst gebettet habe. Am Tage hatten sie sich bis zu den Häusern hingeschleppt und nachts waren sie ihren Schwächen erlegen. So war es mit der Sterblichkeit in allen Dörfern. Im Nachbardorf Conradsvitte kam ein sowj. Offizier hinzugeritten, als Massengräber ausgehoben wurden. Er stellte eine Frage, die Frau Auguste Sprie geborene Lunther, verstand. Er wollte die Todesursache der Menschen wissen, worauf Frau Sprie erwiderte, kein Kleb (Brot) kein Maslo (Fett) usw. Da verließ er kopfschüttelnd die Stätte des Grauens.

Aus dem kleinen Fischerdorf Sand hat sich das Haff besonders viele Opfer geholt. Soweit ich zurückdenken kann, war wohl eine Familie Perkuhn davon am schwersten betroffen. Da ertrank in einer Nacht bei Eisgang der Vater und die beiden ältesten Söhne mit noch vier anderen Fischern. Der jüngste Sohn der Familie Perkuhn heiratete später meine Schwester Berta. Auch er ertrank im Oktober 19o2 und hinterließ zwei Söhne und zwei Töchter. Der jüngste Sohn kenterte bei Sturm im Herbst 1917 mit seinem Kahn. Beide Besatzungsmitglieder, der andere hieß Becker, ertranken. Der älteste Sohn ging, nachdem er den ersten Weltkrieg bei der Marine überstanden hatte, nach Geestemünde. Fuhr dort auf einem Fischdampfer und wurde bei einem Sturm von Deck gespült.



Zum Schluß möchte ich noch unseren lieben kleinen Nachkommen was erzählen:
Großmutter und Großvater habe ich zwar nicht gekannt, folglich konnten sie mir auch nichts erzählen, was ich weitergeben könnte. Aber mein Vater hat mir ein Erlebnis seines Vaters - also meines Großvaters, der so um 178o mochte geboren sein - mitgeteilt. Er war im Sommer mit seiner Mutter von Sand nach Königsberg mit Fische zum Verkauf gefahren. Als sie nach Hause kamen, brachte er die Pferde zur Weide und legte sich provisorisch unter einen Busch und war eingeschlafen. Die Sonne war noch ein Srück vor dem Untergehen, als er sich hingelegt hatte und bereits wieder aufgegangen, als er erwachte. Drei bis vier Meter von ihm ab lagen Eingeweide von einem jungen Pferd, das die Wölfe gerissen hatten und er allerdings nichts davon gemerkt hatte.

Mein Vater war 1832 geboren. In seinem Knabenalter war an einem Neujahrstag ein Wolf aus westlicher Richtung über die Beek in Schaaksvitte gekommen, hatte eines der auf dem Eise tummelnden Kinder gepackt und war damit in östlicher Richtung verschwunden. Reiter mit Heugabeln bewaffnet nahmen die Verfolgung auf. Als der Wolf die nahende Gefahr merkte, ließ er das Kind, das unversehrt war, fallen und suchte das Weite. Auf dem Kurischen Haff trafen Labagiener Fischer später einen Wolf an. Sie hatten ihn dicht umzingelt, einen töt-lichen Schlag ihn beizubringen, hatte sich jedoch keiner getraut. So entkam der Wolf.

In ernster Lebensgefahr bin ich auf dem Haff mehrfach gewesen. Hatte sich doch sogar ein Fischer Fritz Masteit aus Schaaksvitte um meine Rettung eine Rettungsmedaille verdient.

Der schwerste Fall war jedoch der 31. Oktober 19o6. War schon in der vorhergehenden Nacht eine frische Brise gewesen, sc drehte der Wind im nu gegen die Sonne auf Ost mit Regen, was kein gutes Zeichen ist. Nach etwa einer Stunde drehte er wieder mit kurzen Böen auf Südwest. Da nahte etwas, was nach Schnee aussah. Es war jedoch Wasser, das emporgewirbelt wurde. Anstatt der sonst üblichen fünfzig qm Segel vertrug der Kahn nun nicht mehr drei Meter. Mit vollständig auf der Gaffel aufgeschlagenen und festgegurteten Segeln fuhren wir mit knapp 3/4 Wind. Das Wasser, was aus Luv geflogen kam, flog über den Kahn hinweg. Aber auch das, was aus Lee kam, konnte mein Gehilfe Johann Nord nicht mehr bewältigen. Er sagte, verloren sind wir so und so, ich binde mich an, damit wir wenigstens gefunden werden. Da entledigte ich mich der Stiefel und des Ölzeuges, damit ich beide Funktionen versehen konnte. Nach etwa vierstündiger Fahrt erreichten wir einen günstigen Ankerplatz. Wir sind gerettet. Aber wieviel Menschen werden umgekommen sein, sagte ich zu meinem Gehilfen. Und so war es auch. Sieben große Fischerkähne waren gekentert. Zwei Reisekähne, die damals das Kurische Haff befuhren, auf denen gewöhnlich die ganze Familie wohnte, waren gesunken.

Geschrieben im August 1954 in Görlitz, wo ich am.6. April 1948 als "sogenannter Umsiedler" landete.

Nachbemerkung:

Das Original dieser Niederschrift befindet sich im Besitz des Enkelsohnes Herbert Laubstein.

Sicherlich bleibt nachzutragen, was unser Großvater für ein Mensch war.

Meine Eltern und ich wohnten etwa 15o m von seinem Hause entfernt. Im Kindes- und Schulalter war ich fast täglich mit ihm zusammen.
Er war sehr hilfsbereit. Mir erschien er selbstbewußt und zuweilen auch bestimmend. Aufgrund seiner Körpergröße wurde er auch der "große Schütz" genannt.
Von 1926 bis Anfang der dreißiger Jahre war er Bürgermeister unseres Ortes sowie Kreistagsabgeordneter und Schöffe zugleich. Er besaß ein ausgeprägtes Rechtsempfinden und war nicht nachtragend oder verletzend.

Hie Jahre von 1933 - 1945 müssen für ihn demütigend gewesen sein.
Folgende Begebenheit mag aussagen, welch große menschliche Eigenschaft er besaß.

Ln unserem Dorf gab es einen Mann, der nach der sogenannten Machtergreifung unserem Großvater aus politischen Motiven allzugerne den Galgen gegönnt hätte, was eigentlich in der damaligen Zeit nicht schwer war. Da dieser Mann 1945 auch nicht vor den Russen geflohen war, wäre es naheliegend gewesen, sich nach dem Einmarsch der Roten Armee für die erlittenen Demütigungen in der Nazi-Zeit zu rächen.
Es war im April 1945. Ich war von meiner Mutter und meinen Geschwistern getrennt und von den Soldaten der Roten Armee in ein Lager bei Lauau gesteckt worden und nach 14 Tagen aus der Lager ausgerissen. Da mein Großvater Fischer war, traf ich ihn in Julienhöh, einem kleinen Fischerdorf, wieder. Als ich zu seinem Fischerboot kam, traute ich meinen Augen nicht. In dem Boot war auch der oben erwähnte Mann. Beide legten die Fischernetze zurecht. Obwohl dieser Mann der Fischerei unkundig war, gab ihm jetzt der Großvater das Brot. Mir schien es wie ein Gleichnis aus der Bibel. Später sprach ich den Großvater an und sagte ihm, daß ich ihn angesichts des ihm von diesem Mann zugefügten Leides, nicht verstehen könne. Er gab mir zur Antwort, daß ich noch zu jung sei, um sein Handeln zu verstehen. Damit hatte er mir gleichzeitig ein Rätsel aufgegeben.
Erwt viele Jahre später, als ich meine eigenen Erfahrungen gemacht und nachgedacht hatte, kam ich zu der Erkenntnis, daß sein damaliges Verhalten edel gewesen war.

Eine seiner größten menschlichen Enttäuschungen war wohl die Begegnung mit den Soldaten der Roten Armee im Januar 1945 und die Zeit bis 1948, als er aus der Heimat ausgewiesen wurde. Hatten zwar die Machthaber des 3. Reiches den Sovjetsoldaten als unmenschlich dargestellt. Doch aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß die Untaten der Roten Armee wohl nicht zu überbieten waren. Er war u.a. nur deshalb nicht vor den Russen geflohen, weil er glaubte, das seien doch ich Menschen mit einem entsprechenden Empfinden. Ihm wurde aber damals eine Lektion erteilt. Er mußte erkennen, daß Kommunismus genauso menschenfeindlich ist, wie der Faschismus.

Gemeinsam hatten die Großeltern 7 Kinder, Söhne und 4 Töchter. Die Großmutter verstarb 1928. Der Großvater blieb Witwer. Nach seiner Vertreibung aus Ostpreußen im Jahre 1948 lebte er in Görlitz im Haushalt seiner Tochter Gertrud. Am 2. August 196o verstarb er im Alter von 81 Jahren.

Die Lebenserinnerungen mögen uns Enkelkinder einen kleinen Überblick über das Leben und Wirken unseres Großvaters geben.




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