Britisch Kolonien im Vergleich:

Das Empire als Vorbild für modernes "Nation-Building"?
Vier Fallbeispiele

(Eingestellt am 21.9.2008)

Die nachstehenden Ausführungen stellen das Ergebnis mehrjähriger konzeptioneller Arbeit unter Einbeziehung von Fachliteratur und Verwendung von Archivmaterial dar. Seit Beginn meiner Beschäftigung mit vergleichender Globalgeschichte im Jahre 2004 habe ich immer wieder betont, dass es zwingend nötig ist, grenzüberschreitend zu denken. Mit eingefahrenen Perspektiven, einer zu mechanistischen und starren Wissenschaftsorganisation, Verabsolutierung direkter Quellenarbeit und zu starkem Provinzialismus sind substanzielle Fortschritte in dieser Richtung nur schwer möglich.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob die geografische Lage Deutschlands inmitten des europäischen Kontinents gewisse Defizite automatisch in sich birgt. Fakt ist jedenfalls, dass ohne eine weitere Öffnung gerade auch der Geschichtswissenschaft ein geistiges Zurückbleiben hinter den Anforderungen der modernen Globalisierung droht.

Die nachstehenden Ausführungen basieren teilweise auf Grundgedanken, die gegen teils erhebliche Widerstände entwickelt wurden. Ich war damals der Meinung und bin es angesichts der aktuellen Entwicklungen noch viel stärker, dass wir um Konzepte wie das hier vorliegende gar nicht herumkommen. Jeder, der Gegenteiliges behauptet, gefährdet die Zukunftsfähigkeit Deutschlands, Europas und der westlichen Welt. Die Frage, ob und wie die Bundesrepublik sich zukünftig an globalen Einsätzen beteiligen soll, ist von erheblicher Tragweite.



1. Einleitung

Deutschland blieb in jüngster Vergangenheit durch die globale Entwicklung und deren militärische
Folgen nicht unberührt, auch wenn die Bundesregierungen und die Öffentlichkeit offene Diskussionen über die Beteiligung an entsprechenden Einsätzen trotz des Engagements in Bosnien in der Vergangenheit eher scheuten und auch heute noch eine Mischung aus Unentschlossenheit, Provinzialismus und Zweifel herrscht.1
Das Ende des Kalten Krieges hat indes nicht, wie so mancher meinte bzw. immer noch meint, nur die ‚tragischen‘ Folgen des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa korrigiert. Die Selbstbeschäftigung der Deutschen mit der eigenen, problematischen Vergangenheit, die vielleicht mit der Opferdebatte um Bombenkrieg und Vertreibung einen letzten Höhepunkt erreicht hat, verstellt dabei die Sicht auf die anfangs eher schleichende, sich nunmehr fast uferlos ausdehnende Globalisierung in allen Bereichen. Auch danach blieb Thema nicht draußen vor der Tür, sondern stellte sich erneut. Die Einsätze im Kongo und im Nahen Osten sowie die anstehende Entscheidung über die Verlängerung des Mandates für Afghanistan und ggf. sogar eine Erhöhung der Truppenstärke dort sprechen eine deutliche Sprache.
Daher ist es notwendig, sich mit den militärischen Dimension der Globalisierung wissenschaftlich auseinander zu setzen. Dies gilt auch und insbesondere für die deutsche Militärgeschichte, die sich in den letzten Jahrzehnten zwar intensiv und auch erfolgreich mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt hat, zu globalen Themen jedoch nur begrenzte Ergebnisse aufweisen kann. Die Arbeiten, die vorliegen, beschäftigen sich vornehmlich mit der nach dem Ersten Weltkrieg zu Ende gegangenen deutschen Kolonialgeschichte.2
Aus dieser Perspektive ergibt sich die methodische Grundlage weiterer Perspektiven. Es wird darum gehen, unter Beachtung der globalen Entwicklung die Gestaltung des Zusammenlebens in verschiedenen Regionen und den damit verbundenen Konflikten bzw. Kriegen auszuloten. Entscheidend ist dabei die zwingende Notwendigkeit, über den nationalen Tellerrand zu schauen. Es wird daher auf ein naheliegendes, gleichzeitig aber eingrenzbares Beispiel abgehoben: das britische Empire. Dies auch vor dem der Hintergrund der in der deutschen Fachöffentlichkeit sich langsam entwickelnden Debatte um „Imperien“.3
Die durch im Rahmen des Empire entstandenen ‚Ordnungen‘ und Strukturen üben nicht nur bis heute eine erhebliche Wirkungsmacht aus, sondern geben eine ausgezeichnete Folie für europäisches Engagement auf anderen Kontinenten und deren Bedingungen ab. Dies gerade auch vor dem Hintergrund der Einsätze der Bundeswehr, die sich zudem in Gebieten abspielen, die sich nahe der ehemaligen Kolonialgebiete Großbritanniens befinden.4
Die Frage, ob nicht auch das deutsche Beispiel einbezogen werden könnte, lässt sich analog zu der Bemerkung über die deutsche Kolonialgeschichtsforschung relativ eindeutig beantworten. Für Fragestellungen, wie die hier zugrundegelegte, bietet die deutsche Kolonialgeschichte nur sehr begrenzte Erkenntnismöglichkeiten, da sie zu weit zurückliegt. Die Zeit vor 1918 war geprägt von aggressivem und brutalem Ausgreifen, der Errichtung primärer Herrschaftsstrukturen und der rücksichtslosen Ausbeutung der Zielgebiete. Erst nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass die beherrschten Gebiete nicht nur nutzbar gemacht, sondern auch entwickelt werden mussten. Gleichzeitig etablierte sich im Laufe der Jahrzehnte nach und nach immer stärker die Tendenz zu informeller Herrschaftsausübung, der dann mit Abschluss der ‚formalen’ Dekolonisierung das Hauptgewicht zukam. Vor allem der zunehmende Einfluss der USA trug hierzu bei. Zumindest in der westlichen Welt dürfte niemand in verantwortlicher Position mehr die Meinung vertreten, dass Machtsysteme im Sinne direkter kolonialer Herrschaft zu errichten seien. Die Kolonial- und Mandatsgeschichte seit 1918 bietet daher den wichtigsten Ansatzpunkt für die weitere Forschung. Die deutsche Geschichte kann mangels Substanz hierzu nur wenig beitragen. Das die deutsche Kolonialgeschichte aufgearbeitet werden muß, steht außer Frage. Dazu sind aber andere Fragestellungen vonnöten.
Die Militärgeschichtsschreibung hat vor allem die Aufgabe, historisch-politische Orientierung für Staat, Gesellschaft und Streitkräfte zu den historischen Dimensionen globalen Handelns zu bieten. Die Briten hatten sich in vielfältiger Weise mit der Kultur der von ihnen beherrschten Völker auseinanderzusetzen. Dazu zählten auch geistige Differenzen, soziale Probleme und Aufstände. An diesen Problemfeldern hat sich bis heute nichts geändert. Sie treten je deutlicher zu Tage, je stärker sich ein westlicher Staat mit seinen Menschen und den dazugehörigen Ressourcen auf anderen Kontinenten engagiert. Die britischen Erfahrungen können als ausgezeichnete Folie für aktuelle Fragen dienen.
Zweck der meisten Bemühungen heute ist es, vor Ort dauerhaft stabile Verhältnisse zu errichten, um trotz der meist bereits ausgeübten Gewalt ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Das Instrumentarium, das hierfür in Frage kommt, ähnelt mutatis mutandis auffällig dem, das die britische Regierung im Dekolonialisierungsprozess anwandte. Es lohnt sich daher, die Formen britischer Herrschaftsausübung und die indigenen Reaktionen hierauf genauer zu betrachten, um weitergehende Erkenntnisse zu erlangen und Diskussion anzustoßen. Die Fragen nach der Interaktion europäischer Soldaten und „fremder“ Bevölkerung und ihren Folgen für die Etablierung einer stabilen Nachkriegsordnung sind angesichts der zahlreichen Einsätze westlicher Armee an der „Perpherie“ von hoher Aktualität.

Wer sich für das historisch-strukturelle Geflecht in diesem Zusammenhang und die wichtigsten Fakten interessiert, sei auf den Geschichtlichen Abriss (Das Britisch Empire nach dem Ersten Weltkrieg) verwiesen.

2. Methodische Perspektiven und historische Eckpfeiler

Die Nutzbarmachung von historischem Wissen für aktuelle Fragen, vielleicht auch überhaupt die ganze Tätigkeit der Geschichtswissenschaft und deren Legitimation, trägt einen gewissen Widerspruch in sich, der gerade an dieser Stelle zum Tragen kommt. Die Historiografie geht meist genetisch vor (siehe dazu gerade auch den geschichtlichen Abriss), d.h. es werden immer die Verläufe in der Zeitachse zugrundegelegt, untersucht, betrachtet oder auch nur postuliert. Die Einbettung in ein strukturelles Geflecht von Raum und Zeit bringt mit sich, dass Vergleiche und Parallelisierungen, überhaupt die methodische ‚Isolierung’ von Phänomenen eher kritisch betrachtet werden. Von daher ist es auch immer schwierig, aus historischen Beispielen direkte „Lehren“ für die Gegenwart zu ziehen. Man kann die Geschichte weder als Steinbruch noch als Lehrbuch verwenden. Dies wurde in der Vergangenheit gerade von deutschen Militärs immer wieder versucht, dies mit mehr als fragwürdigen Ergebnissen („Applikatorische Methode“).
Umgekehrt entspricht es aber auch keineswegs den Tatsachen, wenn behauptet wird, die Geschichte wiedehole sich nicht. Die Kunst besteht darin, das Richtige zu lernen. „Richtig“ heißt in diesem Zusammenhang nicht „Wahr“ oder „Falsch“ gar noch unter moralischen Gesichtspunkten, sondern die strukturellen Wirkungszusammenhänge, die tieferen Interdependenzen und die Rolle der Akteure zu erkennen und auf die heutige Situation anzuwenden. „Anwenden“ bedeutet hier nicht „Übertragen“, sondern in einem spezifischen Sinne „Vergleichen“. Der Witz besteht darin, die geschichtlichen Befunde mit unseren eigenen ‚aktuellen’ Erfahrungen und Sichtweisen zu konfrontieren, dadurch zu relativieren und schließlich zu erhöhter Urteils- und Handlungskompetenz zu gelangen. Damit ist keineswegs gesagt, dass der Historiker in der Politikberatung tätig werden sollte. Eigentlich ist es eher umgekehrt.

Die folgenden Bemerkungen ergeben sich aus diesen methodologischen Grundlagen. Für das inaugurierte Projekt wird wichtig sein, dass nicht allein militärische Auseinandersetzungen zwischen Kolonialmacht und Aufständischen betrachtet werden, denn dies war gerade im Falle des Empire lediglich ein, oft auch nur das letzte Mittel. Es dürfte auch unstrittig sein, dass die deutschen Bemühungen im globalen Zusammenhang immer auch darauf zielen werden, zivile Lösungen ohne Gewaltanwendung zu ermöglichen. Vielleicht ist hier auch eine gewisse historische Kontinuität zu sehen, da die Bundeswehr von Anfang an als reine Abschreckungsarmee konzipiert wurde und dies im Kalten Krieg auch blieb.5 Es muss daher vermieden werden, dass nur und ausschließlich militärische Konflikte in die Betrachtung einbezogen werden. Dadurch würde sich eine Einseitigkeit ergeben, die eine Verzerrung sämtlicher Ergebnisse nach sich zöge. Es gehört zu den weiterhin gültigen Paradigmen moderner Militärgeschichtsforschung, dass Militär und Krieg niemals nur ‚aus sich selbst heraus‘ verstanden werden können, sondern immer der gesellschaftliche, wirtschaftliche, geistige etc. Kontext einbezogen werden muss. Dies gilt auch und insbesondere für ein Projekt zur Kolonialgeschichte. Daher ist es auch nicht zulässig, eine Region, die nicht Schauplatz ausgedehnter Militäraktionen war, ausser Acht zu lassen. Vielmehr ist an wenigstens einem repräsentativen Beispiel zu untersuchen, warum die militärische Option, die ja stets im Hintergrund vorhanden war,
nicht zum Tragen kam.

Die Geschichte des britischen Empire seit Ende des Ersten Weltkriegs bietet ausgezeichnete Fälle mit erheblichem Potenzial für moderne Fragestellungen. Die im folgenden genannten Fälle stellen eigentlich keine Fallbeispiele dar, sondern es sind letztlich methodisch gesehen ‚Eckpfeiler’ für eine Konfliktgeschichte des britischen Empire.

a. Irak 1920 bis 1945 (v.a. Kurdistan)
b. Waziristan (Nort-West Frontier Province 1918 – 1947)
c. Malaya 1949 – 1960
d. Kenia 1952 – 1960

Aus arbeitsökonomischen Gründen sollen zunächst Schwerpunkte gesetzt werden, die jedoch keinerlei Auswirkungen auf die methodischen Perspektiven haben. Zunächst soll ein Vergleich zwischen Irak (v.a. Kurdistan) und Waziristan gezogen werden. Hierzu einige Ausführungen.
Kurdistan und Waziristan sind nicht erst seit 2001 Brennpunkte von Aufstandsbekämpfung und „Nation-Building“. Schon in den Tagen des britischen Empire kam es zu teils sehr intensiven Bemühungen zur Befriedung der als ‚wild’ und unzivilisiert bezeichneten Bergvölker, die streckenweise einen erheblichen Aufwand an Ressourcen für die Kolonialmacht mit sich brachten. Beide Gebiete waren entlegene Gegenden, nur schwer zugänglich und wiesen vergleichbare tribale Strukturen auf.
Das Empire brachte daher auch entsprechend gleichartige Maßnahmen bzw. Maßnahmenpakete zur Anwendung. Diese beinhalteten neben einer ganzen Palette militärischer Mittel vor allem die Schaffung von Infrastruktur, den Aufbau wirtschaftlicher Betätigungsfelder, punktuelle Bildungs- und Gesundheitsangebote sowie politische Unterwanderung und sogar Bestechung durch Sonderzahlungen. Daneben wurden auch Anstrengungen unternommen, um eine dauerhafte administrative und politische Einbindung in die jeweiligen Staaten zu gewährleisten.
Das Projekt wird, ausgehend von diesen Parallelen, die britische Vorgehensweise in beiden Schauplätzen beleuchten. Dies soll in drei getrennten Schritten vonstatten gehen, wobei bei jedem Schritt eine komparatistische Betrachtung erfolgen soll, um so zum Schluss zu einem Gesamtvergleich zu kommen.
Zunächst soll das Bild, das sich die Briten von den jeweiligen indigenen Gemeinschaften machten, untersucht werden. Die Basis hierfür bilden zahlreiche autobiografische Schriften und auch Tagebücher, die von britischen Offiziellen, den sog. „men on the spot“, angefertigt und teils noch in der Zeit veröffentlicht wurden. Dazu zählten neben Zivilverwaltern oder Medizinern, die oft auf einsamem Posten ohne größeren Verwaltungsapparat standen und vor allem auf ihr Einfühlungsvermögen und ihr taktisches Geschick angewiesen waren, vor allem auch Militärs. Ergänzt wird das Bild durch Berichte der britischen „Intelligence“ bzw. der militärischen Einheiten sowie offizielle Berichte der Kolonial- bzw. Mandatsverwaltung, darunter z.B. auch Texte von Gertrude Bell (archivalische Quellen aus den National Archives, London). Dazu gehört u.a. auch die Einschätzung westlicher ‚In-puts’, so z.B. die Rolle des kurdischen Nationalismus vor dem Hintergrund der militärischen Macht der Stämme.
In einem zweiten Schritt werden dann die konkreten Maßnahmen beschrieben und verglichen. Einen breiten Raum werden dabei u.a. die Einsätze der Royal Air Force und der britisch-indischen Armee sowie deren Auswirkungen auf die indigene Zivilbevölkerung einnehmen. Im Interesse einer möglichst friedlichen Einbindung bemühten sich die Verantwortlichen, mit so geringem militärischen Einsatz wie möglich auszukommen, um keine zu großen Verluste zu verursachen. Fast zwangsläufig geriet man dadurch in einen Konflikt, der sich zwischen den Polen „ziviler Aufbau“ und „militärische Sicherheit“ bewegte. In beiden Fällen gelang eine dauerhafte Befriedung nicht. Sowohl die Kurden im Irak als auch die Paschtunen in Britisch-Indien weigerten sich nicht nur, ihre angestammten Lebensweisen aufzugeben – darauf zielten die britischen Maßnahmen letztendlich -, sondern trachteten vielmehr danach, die Vergünstigen zum eigenen Vorteil, auch politisch, auszunutzen. Ihre militärische Stärke war in dem bergigen Gelände fast unübertroffen und wurde durch die Belieferung mit modernen Waffen ausgebaut.
Als dritter und letzter Schritt soll schließlich eine Analyse der Bewertung des militärisch-zivilen Einsatzes und der erzielten Ergebnisse stehen. Geprüft werden soll, ob und wie die Briten ihr eigenes Tun in den beiden Gebieten einschätzten. In der Forschung wurde bereits darauf hingewiesen, dass die (Nicht-)Ausnutzung der Erfahrungen auch Auswirkungen auf die Kolonialkriege nach 1945 hatte.
Das Ganze zielt methodisch gesehen nicht auf die Diskussion übergeordneter historischer Elemente oder weiterführender Theoriebildung, sondern auf die detaillierte Untersuchung der Konfrontation verschiedener Kulturen und deren geistige Perzeption an zwei konkreten Beispielen. Im Mittelpunkt soll dabei u.a. insbesondere die Betrachtung der „Anderen“ als Menschen sein, gewissermaßen deren „human condition“. Es soll damit auch eine historische Folie für die heutigen Verhältnisse in beiden Gebieten geboten werden.

Analog zu dieser Verfahrensweise sollen dann auch die beiden anderen Beispiele einbezogen werden. Die beim Vergleich von Waziristan und Kurdistan gemachten empirischen und methodischen Erfahrungen sind auf Kenia und Malaya anzuwenden, ohne die geänderten Rahmenbedingungen außer Acht zu lassen. Gerade Letztere stellen das eigentlich interessante Elemente im ganzen Projekt dar, da dadurch Epochengrenzen überschritten werden. Ein Kreuzvergleich über zwei kategorische Achsen verspricht lohnende Ergebnisse. Verglichen werden nicht nur 2 x 2 Regionen, sondern 2 x 2 Regionen aus zwei verschiedenen Zeitabschnitten. Es bietet sich somit die Chance, eventuelle Änderungen und Wandlungen auf die Spur zu kommen. Dies wiederum bietet methodisches und empirisches Wissen, um Rückschlüsse auf die Anwendbarkeit der eigenen Erkenntnisse auf die heutige Zeit zu gewinnen. Nur über derartige Perspektiven kommen man zu neuen Ergebnissen. Singuläre Studien gibt es insbesondere zu Kenia und Malaya inzwischen in Hülle und Fülle.
Für die methodische Einbindung beider Fälle sind folgende Aspekte von Bedeutung. Der Mau-Mau-Aufstand in Kenia und die „Emergency“ in Malaya stellen die beiden wichtigsten britischen Kolonialkriege nach 1945, dar, gehören gleichzeitig auch zu den heftigsten Konflikten dieser Art. Beide sind vor dem Hintergrund der britischen Versuche zum Aufbau informeller Herrschaft und der Gewinnung der indigenen Bevölkerung für die britischen Anliegen, d.h. insbesondere die Pazifizierung unter gütlicher Einigung und Integration in Föderationen bzw. Bundesstaaten oder in nationalem Schulterschluss zu sehen. In beiden Fällen ging die Rechnung nicht so ohne weiteres auf, da es zu brutalen Kämpfen mit zahlreichen Toten kam. In Malaya, wo die zahlenmäßig sehr stark vertretenen chinesischen Einwanderer mit Unterstützung aus China selbst einen großangelegten, dauerhaften Aufstand begannen, versuchte die britische Regierung einen neuen Staat unter Einschuss von Singapur zu etablieren („Malaysia“), scheiterte jedoch, nachdem Singapur aus dem Verband wieder ausschied und 1963 ein Krieg mit Indonesien ausbrach, der erst 1966 endete. Dennoch hatte man langfristig Erfolg, weil die innere Pazifizierung des Kernlandes durch geschicktes Operieren gelang und heute als Vorbild gelungene Integrationsarbeit gilt („Winning the Hearts and Minds“), dies im Gegensatz zu den Amerikanern in Vietnam.
In Kenia erreichte man dasselbe mit etwas anderen Mitteln, darunter dem Einsatz des britischen Justizsystems mit Anwendung der Todesstrafe. In einer neueren Publikation erscheint der Mau-Mau-Krieg daher auch als „History of the Hanged“.6 Die militärischen und ‚zivilen’ Mittel in Malaya und Kenia glichen sich insgesamt weitgehend: Einsatz integrierter Spezialeinheiten im Dschungel mit Stoßtrupps, Flugzeugen bzw. Hubschraubern und überlegener Kommunikation („Counter Insurgency“), Gewinnung bzw. Förderung von verbündeten Gruppen und Einzelpersonen, Deportation von problematischen Stämmen oder Gemeinschaften bzw. ‚Trockenlegen’ von Gebieten oder Stadtteilen durch Massenverhaftungen, Propagandamaßnahmen u.a.m. In nicht unerheblichem Maße hatte man damit Erfolg, denn beide Staaten blieben prowestlich und traten dem Commonwealth bei. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse zu Waziristan und Kurdistan wird zu prüfen sein, inwieweit analoge Aufbaumaßnahmen im Einzelnen griffen (Infrastrukturprogramme, Bildungsangebote etc.), d.h. inwieweit hier bereits „nation-building“ betrieben wurde bzw. bereits vor den Insurgencies betrieben worden war.

Insgesamt ist, auch mit Blick auf die Gegenwart, stets eine (selbst)kritische Betrachtungsweise vonnöten. Es ist auch im 21. Jahrhundert keineswegs ausgemacht, dass ein Land oder eine Bevölkerung trotz aller ‚wohlgemeinten‘ Absichten der Europäer nachhaltiges Interesse an der Gestaltung der Verhältnisse von außen hat. Diese Option ist zu beachten, weil sonst die Gefahr besteht, dass sich, gewissermaßen durch die Hintertür, erneut kultureller Hochmut breitmacht. Globales Engagenment kann auch in Misserfolgen und Katastrofen enden. In die öffentliche Debatte in Deutschland muss diese Perspektive deutlich miteinfliessen, da sonst möglicherweise Illusion und Täuschung Einzug halten. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass gerade deutsche Historiker nach wie vor häufig mit einer gewissen Bewunderung nach Großbritannien blicken und dort das Eldorado gelungener Staats- und Gesellschaftsgestaltung erblicken. Derlei ist im Hinblick auf die Kolonialgeschichte nicht unbedingt hilfreich.



Historisch-politische Leitfragen im Hintergrund (diese sollen nicht direkt mitbehandelt werden):

Soll modernes „nation-building“ Machttaktiken und –techniken (z.B. “bargaining“) der Engländer in ihrem Imperium sowie bei bzw. nach dessen Ende übernehmen oder nicht?
Soll die Bundeswehr weiterhin globale Polizeieinsätze mit ‚Unschuldscharakter‘ machen oder nicht?
Gibt es Kontinuitäten im Handeln der Briten auf dem Globus? Oder ist ihr Vorgehen nur die Fortsetzung dessen, was sie 1968 aufgegeben hatten? Im letzteren Fall wäre der Kalte Krieg, die EWG/EG/EU und die Annäherung an Europa, d.h. die Zeit von 1972 – 1990er, nur eine Zwischenphase gewesen und eine dauerhafte Bindung an Europa ist niemals wirklich erfolgt. Die andere Option: Großbritannien schwingt dauerhaft zwischen den beiden Polen Europa und Welt.
Wie ist die genuin deutsche Geschichte vor diesem Hintergrund zu bewerten? Dies gilt insbesondere für den Eroberungskrieg 1941 – 44 mit direkter diktatorischer Machtausübung mit ubiquitärem Terror und massiver Unterdrückung. (Nach Lage der Dinge hat Hitler das Empire und seine Herrschaftstechniken überhaupt nicht verstanden, sondern er hat vielmehr seine eigenen rassistischen Überzeugungen und Phantasien in das Empire hineininterpretiert).

Verbunden mit diesen Fragen sind weitergehende Perspektiven, die teilweise auch bis in den Kern des europäischen und transatlantischen Selbstverständnisses gehen und damit auch den eigentlichen Fokalpunkt in der Auseinandersetzung mit anderen Regionen und Völkern auf der Erde bilden: inwieweit müssen wir uns selbst ändern, um ein konstruktives, dauerhaftes und stabiles Zusammenleben möglich zu machen?
So sind z.B. die Ansätze und Erkenntnisse der neueren Imperialismusforschung, die sog. „New Imperial History“ zu nutzen, die auf der ‚postmodernen’ Kulturgeschichte aufbaut, diese jedoch nicht einfach fortführt, sondern auch neue Forderungen stellt.7 Dazu gehört unter anderem das Streben nach Kombination der politisch-ökonomischen Dimension mit kultur- und geistesgeschichtlichen Ansätzen und die adäquate Betrachtung von Zentrum und Peripherie auf gleicher methodischer Ebene. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Grundsatzaspekte der Forschung, die möglicherweise weit über die Kolonialgeschichte hinausreichen könnten. In Frage gestellt wird unter anderem der Begriff „Nation“. Dies korrespondiert mit einer weiteren, ebenfalls neueren Forschungsrichtung der genuin britischen Geschichte, der sog. „four nation’s theory“. Diese besagt, dass es möglicherweise gar keine einheitliche englische oder britische Geschichte gegeben hat, sondern das die vier ‘Grundeinheiten’ (England, Schottland, Wales, (Nord-)Irland) ganz eigene Vergangenheiten besitzen. Hier liegt vielleicht eine Übereinstimmung mit der Konzeption vom „Europa der Regionen“.8
Gerade auch für den deutschen Historiker hat dies mehrere, nicht zu unterschätzende Konsequenzen. Zunächst einmal in direkter politisch-historischer Hinsicht. Die Achse des Europagedankens, hier zuallererst Deutschland und Frankreich, besitzt möglicherweise nicht das Monopol der Innovation förderaler Ideen im internationalen Rahmen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Beobachtung des britischen Empire in der Phase der Dekolonisierung. Im Bestreben, möglichst stabile Verhältnisse zu schaffen und eine informelle Herrschaft Großbritanniens zu sichern, unternahm Whitehall Anstrengungen zur Schaffung von regionalen Förderationen der verschiedenen Machthaber und Völker, um die postkoloniale Ordnung zu gestalten (z.B. Malaya/Malaysia, Rhodesien).9 Ähnlich, wenn auch unter anderen Bedingungen bot sich die Situation im Irak, wo in einem Staatswesen drei teils völlig heterogene ethnisch-religiöse Gruppen (Sunniten, Shiiten, Kurden) zu friedlichem politischen und sozialen Zusammenleben gebracht werden mussten. Viele, jedoch nicht alle dieser Experimente scheiterten angesichts der kulturellen, religiösen und ethnischen Unterschiede und Konflikte. Es entsteht so ein Bild unterschiedlicher machtpolitischer und kulturelle Räume und Kreisläufe, von denen die „Nation“ bestenfalls einer unter mehreren ist (lokale Gemeinde/Stamm, Regionen/Föderationen, Empire).
Dies führt zu einem letzten Punkt. In allen Dingen muss zwingend die Perspektive der indigenen Bevölkerung miteinfliessen. Dabei wäre es erkenntmäßig verhängnisvoll, davon auszugehen, die indigene Bevölkerung von vornherein in allen Belangen mit westlichen Standards zu messen, weil sie vor allem infolge der technischen Unterlegenheit in Kriegen meist Niederlagen hinnehmen musste. Es gab dort durchaus Elemente wie Strategie, Taktik und Logistik. Manche ‚Stämme’ und Rassen gerierten sich bis zum Eintreffen der Europäer als ausgesprochene Kriegsvölker, die andere eroberten, unterdrückten und versklavten. Sie leisteten dann auch häufig den erbittersten Widerstand gegen die Europäer.
Die indigene Perspektive ist vor allem deshalb wichtig, weil die Kolonialkriege bis heute ein unverzichtbarer Teil der Kultur der Bewohner der ehemaligen Kolonien sind und auch beim Staatsbildungsprozess während der Dekolonisierung eine erhebliche Rolle spielten. Insofern schließt sich der Kreis zu Gegenwart. Jeder, der aktuell in direkten Kontakt mit Völkern außerhalb Europas, vor allem in Asien und Afrika, tritt, wird automatisch wieder zurück auf die Kolonialzeit und ihre Kriege verwiesen.

Endnoten



1

Dazu aktuell Die Zeit Nr. 38/2008, 11.9.08, „Der Krieg der Anderen“, S. 19 – 23.

2

Vgl. dazu etwa Zimmerer, Jürgen [Hrsg.], Völkermord in Deutsch - Südwestafrika: der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003, Wilhelm J.G. Möhlig [Hrsg.], Frühe Kolonialgeschichte Namibias 1880 – 1930, Köln 2000 und Haupt, Werner, Die deutsche Schutztruppe: 1889 – 1918, Auftrag und Geschichte, Berg am See 1989. Vgl. auch die Arbeiten von Walter Nuhn zu Kamerun und Deutsch-Ostafrika sowie von Hans-Martin Hinz zu Tsingtau. Zur Einordnung in die deutsche Kolonialgeschichte auf neuestem Stand vgl. Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, Paderborn 52004 sowie Winfried Speitkamp, Deutsche Kolonialgeschichte, Stuttgart 2005. Zu neueste Arbeiten deutscher Forscher zu nichtdeutschen Kolonialkriegen vgl. Thoralf Klein / Frank Schumacher (Hg.), Kolonialkriege, Militärische Gewalt im Zeichen des Imperialismus, (erscheint im Oktober 2006) und Greiner Bernd, Müller, Christian Th., Walter, Dierk (Hg.), Heiße Kriege im Kalten Krieg, Hamburg 2006.

3

Vgl. dazu insbesondere und neu Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006), H. 1 Themenheft „Imperien“, (14.07.2006), URL: <http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Inhalt-1-2006>.

4

Hier bietet sich auch ein sehr guter Ansatz zur gegenseitigen Ergänzung mit den „Wegweisern zur Geschichte“ des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, v.a. Afghanistan und Kongo.

5

Hier liegt durchaus auch eine Sollbruchstelle in der aktuellen öffentlichen Meinung: was geschieht, wenn sich tatsächlich schwere Kämpfe mit hohen Verlusten ereignen?

6

David Anderson, Histories of the Hanged, Britain’s dirty war in Kenia and the End of Empire, London 2005.

7

Zum Folgenden vgl. James Thompson, Modern Britain and the New Imperial History, in: History Compass 5 (2007), (OnlineEarly Articles). doi:10.1111/j.1478-0542.2007.00391.x (http://www.blackwell-synergy.com/doi/abs/10.1111/1478-0542.0035), Jürgen Osterhammel, Imperien, in: Transnationale Geschichte, Themen, Tendenzen und Theorien, hrsg. von Gunilla Budde, Sebastian Conrad, Oliver Janz, Göttingen 2006, S. 61f. Vgl. auch John Gascoigne, The Expanding Historiography of British Imperialism, in: The Historical Journal 49, 2 (2006), S. 577 – 592, downloadbar unter: http://journals.cambridge.org/action/displayIssue?jid=HIS&volumeId=49&issueId=02.

8

Hier ist einstweilen noch eine gewisse Vorsicht angebracht, da forschungsstrategisch noch ein weiter Weg zurückzulegen sein wird, denn die diesbezüglichen Arbeiten handeln weitestgehend vom 19. Jahrhundert. Die „New Imperial History“ hat das 20. Jahrhundert, insbesondere die Zeit der Dekolonisierung, noch nicht in den Blick genommen. Zudem werden Regionen wie Schottland, Irland und Wales auch als „interne Kolonien“ betrachtet. Maria Do Mar Castro Varela / Nikita Dhawan, Postkoloniale Teorie, Eine kritische Einführung, Bielefeld 2005, v.a. S. 23. Dies aber führt letztlich erneut zum förderalen Gedanken (auf freiheitlicher Basis) als möglichem Gegenmodell zum Kolonialismus.

9

William Roger Louis, Introduction, in: in: William Roger Louis, Ends of British Imperialism, The Scramble for Empire Suez and Decolonization, Collected Essays, London 2006, S. 27. Vgl. auch William Louis Roger und Ronald Robinson, The Imperialism of Decolonization (1994), in: William Roger Louis, Ends of British Imperialism, The Scramble for Empire Suez and Decolonization, Collected Essays, London 2006, S. 494 und Roger William Louis, The Dissolution of the British Empire in the Era of Vietnam (2002), in: William Roger Louis, Ends of British Imperialism, The Scramble for Empire Suez and Decolonization, Collected Essays, London 2006, insbesondere S. 564f.





Das Britische Empire nach dem Ersten Weltkrieg

Geschichtlicher Abriss und strukturelle Bedingungen



Geschichtlicher Abriss und strukturelle Bedingungen

Das britische Empire erreichte nach den beiden Weltkriegen seine größte Ausdehnung. Durch die Friedensverträge von 1919 erhielt London Palästina und den Irak als Mandatsgebiete, sowie Deutsch Ostafrika („Tanganjika“), Deutsch Südwestafrika und andere, kleinere Gebiete (z.B. Teile Togos).1 Obwohl 1941 zeitweise aus Südostasien vertrieben, setzten sich die Briten dort wieder fest und besetzten am Ende des Zweiten Weltkriegs zeitweilig sogar die Gebiete anderer Kolonialmächte.2 In Afrika rückte das Empire temporär in die ehemaligen italienischen Kolonien Libyen und Abessinien vor.
Die existenzielle Bedrohung durch Deutschland und seine Verbündeten sowie die ungeheuren Lasten der Kriegführung hatten, entgegen so manchen Befürchtungen, keineswegs zum Untergang des Kolonialreiches geführt, sondern vielmehr zu seiner Ausdehnung. Insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich für die Regierung in London in strategischer Hinsicht geradezu Träume realisiert. Dies betraf vor allem Indien. Eine der größten Sorgen der Planer seit dem 19. Jahrhundert waren die Verbindungswege von und nach dem Subkontinent gewesen. Zu deren Sicherung hatte man sich in Afrika festgesetzt und versucht die Kap-Kairo-Linie zu etablieren.3 Durch die Niederlage Deutschlands und des Osmanischen Reiches wurden nun wesentliche Lücken geschlossen. Durch die Übertragung Ost-Afrikas in den eigenen Herrschaftsbereich hatte man ein eine stabile Sicherung aller See-Verbindungen erreicht (Suez – Horn von Afrika – Kap der Guten Hoffnung).4 Gleichzeitig hatte man eine durchgängige Landroute in Asien aufbauen können, als man die Gebiete im Mittleren Osten als Mandate erhielt. Gestützt durch eine Hegemonialzone in Persien verfügte London nun über eine feste, mehrfach abgesicherte Anbindung Indiens, die durch moderne Techniken dynamisiert und weiter stabilisiert wurde. Man hatte schon vor 1914 feste Fernmeldeverbindungen zwischen den Kontinenten eingerichtet und baute nun ein Netz von Flugplätzen auf („Imperial Air Routes“).5
Die Situation, die bei imperialen Enthuasiasten durchaus noch Träume auf eine gloriose Zukunft erwecken konnte, zeigte jedoch nur bei oberflächlicher Betrachtung als verheißungsvoll. In Wirklichkeit zeichnete sich in den meisten Gebieten eine strukturelle Überforderung ab.6 Dies hatte bei Weitem nicht nur aus den wirtschaftlichen und finanziellen Folgen des Ersten Weltkriegs und der zunehmenden Abhängigkeit Großbritannien von den USA ergeben, sondern insbesondere aus längerfristigen Tendenzen kolonialer Herrschaft.
Die imperiale Expansion seit dem 17. Jahrhundert hatte sich, außer in Nordamerika, im Wesentlichen ohne größere strategische Widerstände bewerkstelligen lassen und nicht zuletzt den britischen Steuerzahler geschont.7 Vor allem Indien trug sich finanziell mehr oder weniger selbst und steuerte mit massiven Truppenkontingenten erhebliche Kräfte zur imperialen Kriegführung bei. Der Verwaltungsaufwand für das Mutterland war minimal. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs verwalteten ca. 1300 zivile britische Beamte 353 Millionen Inder (gesamte Kolonie = „Raj“).8 Nur Leitungs- und Spitzenposition wurden von London aus besetzt. Die restlichen Aufgaben erfüllten indische Kräfte.
Die Kolonialherrschaft erreichte dadurch einen hohen Grad an Effizienz bei minimaler Belastung der britischen Heimatressourcen.9 Dazu trug auch bei, dass die britische Regierung keineswegs ein einheitliches Verwaltungsgerüst einzurichten versuchte, sondern die Gegebenheiten, wie sich vor Ort boten, so weit wie möglich akzeptierte und auf Kollaboration baute.10 Lokalen Herrschern, die sich mit der britischen Oberherrschaft abfanden, beließ man interne Gerechtsame, verpflichtete sie aber auf Anordnungen der Kolonialherren, insbesondere auf dem Gebiet der Abgaben und Steuern. Dieses Vorgehen bot sich vor allem in Regionen mit ungünstigen Klimabedingungen und beim Fehlen eigener Personalressourcen an, so z.B. in den afrikanischen Tropen (v.a. Nigeria) und in Südostasien. Indien wurde zu einem Drittel auf diese Weise verwaltet („princely states“). Diese Methode bezeichneten britische Vordenker als „Indirect Rule“ und als Königsweg für Stabilität und Sparsamkeit.
Andere Elemente, so etwa der restliche Teil Indiens, wurden mittels einer formellen Kolonialverwaltung regiert, die relativ aufwändig war und für die auch ein Ausbildungssystem geschaffen werden musste. Schließlich gab es noch die informelle Herrschaft, dies in mehreren Abstufungen, die von völkerrechtlicher Unabhängigkeit bei direkter britischer Truppenpräsenz (z.B. Ägypten ab 1922) bis zu rein wirtschaftlicher Dominanz (Südamerika) reichten.
Keineswegs versuchten die Briten, in allen Belangen einheitliche kulturelle und ethnische Prinzipien durchzusetzen. Man begnügte sich mit politischer, militärischer und wirtschaftlicher Dominanz und griff im Übrigen nur ein, wenn diese Oberherrschaft massiv in Frage gestellt wurde. Dies musste keineswegs sofort ein militärisches Engagement nach sich ziehen. Häufig stellte man bei Konflikten die Stabilität durch politische oder wirtschaftliche Zugeständnisse oder durch Ausspielen der Kräfte vor Ort wieder her. Das ganze System basierte auf liberaler Toleranz bzw. Gleichgültigkeit, Verhandlungsgeschick („bargaining“), Kollaboration und gezieltem Einsatz militärischer Macht, dies möglichst mit vor allem auch finanziell begrenztem Aufwand.11 Imperialer Hochmut und die Demonstration angeblicher Überlegenheit gehörte insbesondere in der Zeit vor 1918 zu den Haupteigenschaften britischer Herrschaft.12
Ließen sich die gewünschten Verhältnisse nicht anderweitig herstellen oder nahm eine Aufstandsbewegung überhand, wurde gelegentlich mit brutalen Mitteln unter skrupellose Anwendung moderner Technik (Maschinengewehr, Flugzeug) durchgegriffen. Verschiedentlich kam es zu regelrechten Massakern (Sepoy-Aufstand 1857 13, Schlacht von Omurduman 1898 14, Amritsar 1919 15). Meist jedoch versuchte man, unnötige Gewaltanwendung zu vermeiden, weil sie risikoreich war und das Gegenteil dessen bewirken konnte, was man beabsichtigte, die Erhaltung der pax britannica. Es gehört zu den Widersprüchen dieser Art von Herrschaft, dass gerade Churchill als Kriegsminister Anfang der zwanziger Jahre die Doktrin der „minimum force“ ausgab, d.h. die Anwendung lediglich derjenigen Dosis an militärischer Gewalt, die unbedingt für die Pazifizierung notwendig war.16
Insgesamt sahen sich die Briten in ihrem Imperium mit einer ungeheuren Bandbreite verschiedenster Ethnien, Kulturen, sozialer und wirtschaftlicher Strukturen, Denkweisen und Religionen konfrontiert. Das System der Kolonialherrschaft, dass sie anwandten, bestand aus einer Mischung von Pragmatismus und Machtentfaltung. Es war derart effizient, dass das Empire bis 1945 ohne größere Abspaltungen zusammenhielt. Gleichwohl ergaben sich massive Forderungen und Beschränkungen, denen London nur mit elastischer Verhandlungstaktik und behutsamen Reformen begegnen konnte. So war schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich geworden, dass sich die „weißen“ Kolonien, die Dominions, nicht mit rigiden kolonialen Methoden regieren ließen.17 Der sich dort entwickelnden wirtschaftlichen, politischen und militärischen Kultur, die sich vor allem auch in selbstbewusstem Autonomiestreben äußerte, musste langfristig Rechnung getragen werden. Ein dauerhafter Verhandlungsprozess führte schließich zum Statute of Westminister (1931), dass den Dominions weitgehende innere Selbstverwaltung und quasi-staatliche Unabhängigkeit zubilligte, jedoch Außenpolitik und formale Oberhoheit in London beließen. Durch diese taktierende Nachgiebigkeit erreichte man eine wesentliche Stabilisierung der Verhältnisse und vor allem die Unterstützung der Dominions in beiden Weltkriegen – eine wichtige Vorbedingung für den Sieg.18
Die anderen Gebiete, d.h. die abhängigen Kolonien, besaßen demgegenüber den Status einer „zweiten“ Klasse, d.h. eine wie auch immer geartete Eigenregierung kam nicht in Frage. Dennoch kam auch dort, vor allem in Indien, eine Lockerung der Kolonialherrschaft auf die Agenda. Man hatte erkannt, dass die „Indirect Rule“ unter ‚Verwendung‘ lokaler Kollaborateure und Despoten eine teile erhebliche Benachteilung verschiedener Gruppen und Schichten nach sich zog, die zu Unruhen und Aufständen führte. Noch wichtiger war indes die Tatsache, dass man bereits während des Ersten Weltkrieges in hohem Maße auf die Kräfte der Kolonien, vor allem Indiens, hatte zurückgreifen müssen.19 Es ging nicht an, dass man im Namen der Demokratie das deutsche Kaiserreich und andere Monarchien besiegt hatte und nun den eigenen Gebieten freiheitliche Rechte versagte. Insbesondere aus den Reihen der hinduistischen Mehrheit, mit einer gewissen Zeitverzögerung dann auch durch Teile der Moslems, erhoben sich Forderungen nach Unabhängigkeit. Dies führte dann auch zu teils heftigen Protesten, die um Bestand des Empire vor allem auf dem indischen Subkontinent fürchten ließen. Daher begann man, in verschiedenen Gebieten eine begrenzte Autonomie auf regionaler und schließlich auch auf gesamtstaatlicher Ebene zuzulassen und zu fördern (Government of India Acts 1909, 1919 und 1935). Die Gesetzgebenden Versammlungen („Legislative Councils“) wurde zunehmend für frei gewählter Inder geöffnet, und die Regierungsgeschäfte für die kulturelle und wirtschaftliche Ausgestaltung des Landes wurden rein indischen Regierungen übergeben. Alle Sicherheitsfragen sowie der Oberbefehl über die Indische Armee verblieben jedoch beim britischen General-Gouverneur (Vizekönig). Diese Machtteilung („Dyarchy“) war keineswegs nur dem Altruismus geschuldet, sondern diente auch als machtpolitisches Mittel, um mögliche Widerstände gegen die Kolonialherrschaft im Ganzen abzulenken bzw. zu entzweien und so die britische Herrschaft zu stabilisieren. Die Briten dachten auch keinesfalls bereits 1919 daran, ihre Kolonialherrschaft zu beenden.20

Das ganze Empire bestand insgesamt aus einem komplexen, alles andere als einheitlichen Geflecht von Beziehungen, Bindungen und Abhängigkeiten. Es bot sich eine enorme Vielfalt nicht zuletzt auch geister Art, dies gerade in den muslimischen Teilen des Weltreichs.

Diese Vielfalt wurde je größer, je stärker sich das Empire ausbreitete und erreichte nach dem Ersten Weltkrieg zwangsläufig einen Höhepunkt. Da menschliche Geschichte immer auch die Geschichte von Konflikten ist, kam auf die Kolonialmacht eine immer größer werdende Anzahl von Auseinandersetzungen zu, die häufig auch militärische Maßnahmen zum Machterhalt nötig machten.
Gerade die Vereinnahmung der Völkerbund-Mandate im Mittleren Osten (Irak, Palästina) brachte nicht nur strategische Vorteile, sondern ein erhebliches Konfliktpotenzial mit sich, dies vor dem Hintergrund der allgemeinen Demobilisierung und der Wirtschaftskrisen nach 1918.21 Die inneren Verhältnisse im Mutterland schienen vorderhand nicht dazu angetan, weiterhin ein ausgedehntes Kolonialreich zu unterhalten, und in der Tat wandelte sich die Grundhaltung im Laufe der Zeit, die je stärker, je stärker man mit steigenden Kosten konfrontiert wurde. Imperialer Expansionismus mit kulturellem Überlegenheitsenthusiasmus wurde in Teilen der Bevölkerung und der Verantwortlichen durch pragmatische Nüchternheit abgelöst.22
Dies jedoch bedeutete keineswegs, dass schon in den zwanziger Jahren die Zeichen auf Rückzug standen. Das Empire wurde meist als unverzichtbarer Bestandteil betrachtet, auch und insbesondere in wesentlichen Teilen der Labour-Partei. Die Konzepte Labour-geführter Regierungen zur Kolonialpolitik unterschieden sich nicht kategorial von denen konservativer Kabinette. Man betrieb einen gemäßigten, auf Ausgleich zwischen den Kolonien und dem Heimatland ausgerichteten Imperialismus.23
Seit den zwanziger Jahren begann dennoch, wenn man so will und wie von manchen Forscher behauptet wird, die defensive Phase des Empire.24 Zumindest ergaben sich in dieser Zeit bereits wesentliche Vorbedingungen für die ‚aktive‘ Dekolonisierung nach 1945. In vielen Teilen des Herrschaftsgebietes kam es aus den unterschiedlichsten Gründen zu teils heftigen Auseinandersetzungen, die die ganze Bandbreite der britischen Reaktionsmöglichkeiten, darunter auch den Einsatz militärischer Mittel, erforderlich machten.
Ständige Brennpunkte befanden sich in Indien, im Irak, in Palästina, im Jemen und in einigen Teilen Afrikas, so z.B. im Sudan.25 Die militärischen Belastungen wuchsen der britischen Regierung schließlich über den Kopf. Es erwies sich als unmöglich, überall große Garnisonen zu unterhalten. London musste daher alle Mittel ausschöpfen, damit dem Empire nicht der Atem ausging. Man kam daher auf die Idee, die teuren Infanterieeinheiten durch Bomber der Royal Air Force zu ersetzen. Vor allem im Irak, im Jemen und in Teilen Afrikas unterstellte man daher sämtliche Einheiten Luftwaffenbefehlshabern („Air Control“).26 Zusammen mit leichten Panzereinheiten und örtlichen Hilfstruppen gelang es so, zahlreiche Aufstände einzudämmen. Unter anderem das psychologische Schreckenspotenzial des Bombers erzielte eine teils massive Wirkung. Die Royal Air Force konnte durch das „Imperial Policing“ die eigene Existenz gegenüber Heer und Marine behaupten und im Schatten des Empire ihre Konzepte für den strategischen Bombenkrieg entwickeln. In indirekter Weise gehen die hunderttausenden von Toten unter der deutschen Zivilbevölkerung auf das „Imperial Policing“ und damit auf das britische Weltreich zurück.
Die militärische Option bildete allerdings nur eine unter vielen Möglichkeiten. In Indien beispielsweise kam es infolge des erwachenden Nationalbewusstseins und –noch stärker- religiös-politischen Sammlungsbewegungen zwar immer wieder zu Aufständen, die niedergeschlagen werden mussten. Dennoch fand auch ein langfristiger Verhandlungsprozess statt, der unter anderem zu den bereits genannten Selbstverwaltungsgesetzen führte. Damit konnte die britische Regierung insbesondere die gebildeten hinduistischen Mittelschichten, die grundsätzlich kein Interesse an gewaltsamer Revolution hatten, pazifizieren, dies trotz der Kampagnen von Gandhi.27 London erkannte auch, dass man nicht mehr erwarten konnte, dass Indien die Kosten für Verwaltung und vor allem Verteidigung aufgebürdet werden konnten. Als die indische Armee unter der Bedrohung durch Japan in den dreißiger Jahren massiv aufgerüstet und ab 1941 dann auch eingesetzt wurde, gingen die Kosten zu Lasten des britischen Mutterlandes.28
In anderen Gebieten konnte man durch Zugeständnisse und örtliche Koalitionen trotz weiterer Aufstände die Stabilität aufrechterhalten. Dabei wurde es nicht für notwendig erachtet, direkt die Regierungsgewalt zu übernehmen.29 Dies war Aufgabe des Schahs von Persien, der quasi als informeller Statthalter fungierte und im Falle von Problemen bevorzugte Behandlung, d.h. größere Beteiligung an den Ölprofiten erhielt.30 Ägypten entließ man 1922 zumindest formell in die Unabhängigkeit und nahm so den Forderungen der Nationalbewegung (später: Wafd-Partei) erheblichen Wind aus den Segeln.31 Der Irak wurde 1932 selbstständig, nachdem zuvor eine pro-britische Regierung errichtet worden war.32
Anders als im deutschen Herrschaftsgebiet 1939 – 45 stellten militärische Unterdrückung, Terror, ethnische Säuberungen etc. keine oder nur letzte Mittel dar. Brutale Ausschreitungen von Militärs kamen zwar vor, blieben aber die Ausnahme. Mithin erfolgte die Herrschaftsgestaltung keineswegs nur unter blutigen Kriegen, sondern beinhaltete ein breites Spektrum von weiteren Maßnahmen und Aktionen. Soll damit der Einsatz militärischer und paramilitärischer Mittel auch nicht kleingeredet werden, so ist doch nachdrücklich zu betonen, dass der Einsatz von Truppen nur ein Element des strukturellen Gesamtgeflechts darstellte.33
In einem Teil der Forschung hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass sich das Empire weiterhin hätte halten können, wenn nicht aggressive Kräfte von außen auf den Plan getreten wären. Die Expansion der Achsenmächte und vor allem der Zweite Weltkrieg setzten Kräfte in Gang, die teilweise bereits bestehende Tendenzen innerhalb des britischen Weltreichs verstärkend schließlich zu dessen Ende führen sollten. Es gelang der britischen Regierung dann auch nicht mehr, eine dauerhafte Beruhigung in Palästina und Indien herbeizuführen.34 Arabischer und jüdischer Terrorismus sowie die „Quit India“-Bewegung, die unter Gandhi trotz des Kampfeinsatzes der Indischen Armee für das Empire das Ende der Kolonialherrschaft forderte, führten nach 1945 recht rasch zur Dekolonialisierung dieser Gebiete. Ähnliches ereignete sich dann in den anderen Regionen. Dies hat hängt weniger mit der Tatsache zusammen, dass bei Kriegsende eine Labour-Regierung in Whitehall regierte. Das Kabinett von Attlee verfolgte keine großangelegten Pläne, das Empire freiwillig aufzugeben, ja verschiedene Kräfte (Bevin) versuchten sehr stark, daran festzuhalten.35 Die nüchtern-pragmatische Analyse der Situation in beiden Gebieten ließ jedoch keinerlei Alternative. So zog man sich zurück, nicht ohne jedoch auch weiterhin einen erheblichen, wirtschaftlichen und geistigen Einfluss auszuüben.
In der britischen Forschung wird die Ansicht vertreten, dass dies nicht durch Freiheitsbewegungen erzwungen wurde, sondern durch die britische Interessenpolitik vorgegeben und vor allem auch gesteuert wurde.36 Dem entspricht die Tatsache, dass etwa der Rückzug aus Indien keineswegs das Aufgeben der anderen Gebiete, etwa nach Art einer Dominotheorie, wie sie in den USA später für Vietnam propagiert wurde, bedeutete. In einer Art „scaling down“, wie es typisch für britisches Denken ist37, versuchte man, in den zu entlassenden Gebieten eigene Parteigänger an die Macht zu bekommen, machte dann pragmatisch mit den vorhandenen Kolonien weiter und definierte die eigenen strategischen Interessen nun vor allem aus dem globalen Dreieck Suez – Afrika – Malaya heraus.38 Es entwickelte sich die Option „East of Suez“ auch ohne Indien. Dem sollte auch der Bagdad Pakt dienen, der 1955 mit Irak, Iran, Pakistan und der Türkei abgeschlossen wurde, unter anderem auch, um die Sowjetunion aus dem Mittleren Osten fernzuhalten.
Diese und andere Maßnahmen sollten sich jedoch als schwach und nur von zeitweiliger Wirkung erweisen. Die strukturellen Grundbedingungen hatten sich im Verhältnis zu den zwanziger und dreißiger Jahren erheblich geändert. Es war meist nicht mehr möglich, Aufstände mit begrenzten Kräfte unter starkem Einsatz der Royal Air Force niederzuhalten.39 Anders als die teils disparaten Stammeskämpfer vor 1939 traten den Kolonialherren nun zunehmend geschlossene und ideologisch bzw. national ausgerichtete Befreiungsbewegungen entgegen. Diese waren teils militärisch geschult und wurden häufig von der Sowjetunion bzw. von China mit Waffen und Ausrüstung versorgt.
Zwar hatten sich die militärischen Möglichkeiten zur Niederhaltung von Aufständen infolge der technischen Überlegenheit des Westens erhöht (moderne Fernmeldeeinrichtungen, Spür- und RADAR-Anlagen, Waffen und Ausrüstung, v.a. Hubschrauber). Die damit verbundene Ausrüstung aber verschlangen Unsummen.40 Das britische Mutterland, das den Zweiten Weltkrieg finanziell noch angeschlagener beendet hatte als den Ersten, konnte sich aufwändige Kolonialkriege, evt. auch mit hohen Verlusten des teuren Materials, nicht mehr leisten. Dies auch vor dem Hintergrund der erheblichen Lasten in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion im Kalten Krieg (v.a. Atomwaffen) und der finanziellen Abhängigkeit von den USA. Letztere waren im Zweiten Weltkrieg mit der Forderungen nach umfassender Dekolonialisierung angetreten und hatten dabei insbesondere das Empire im Blick gehabt. Infolge der Blockkonfrontation vermied Washington jedoch zunehmend radikale Positionen und betrachtete das Empire als Bollwerk gegen den Kommunismus. Dennoch ergaben sich vielfältige Konflikte zwischen London und Washington, die letztlich erst durch den fast vollständigen Rückzug der Briten aus ihren Kolonien gelöst wurden.41
Diese Grundbedingungen prägten die Entwicklung bis 1968. Die britische Regierung dachte schon aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus nicht daran, Kolonialgebiete freiwillig zu räumen. Allein, man konnte die globale Entwicklung nicht aufhalten. Das Empire begann in fast allen Regionen zu bröckeln. Spielten vor Ort dabei durchaus unterschiedliche Gründe eine Rolle, so multiplizierten sich die Effekte und beschleunigten den Niedergang in einer Weise, die die britischen Akteure so zuvor nicht erahnt hatten.
Die ganze Bandbreite reaktiven Handelns kam auch beim endgültigen Niedergang nochmals zum Tragen. Im Iran ereignete sich ein Umsturz, der das britisch-amerikanische Ölmonopol bedrohte. Die Entwicklung blieb jedoch stabil, weil man den alten Herrscher, den Schah, wiedereinsetzte und ihm einen höheren Anteil an den Einnahmen gewährte. Im Irak versuchte man weiterhin die Marionettenregierung („arch-collaborator“,42 vor allem Nuri as-Said) militärisch, politisch und wirtschaftlich zu stützen, wurde jedoch im Jahre 1958 nach einem Offiziers-Putsch mit breiter öffentlicher Unterstützung, dessen Ursachen unter anderm im sozialen Elend, dem immer stärker sich entwickelnden Nationalismus und schließlich auch der Lage in Palästina zu finden sind, mehr oder weniger rasch hinausgeworfen.43 Die beiden strategisch wichtigen Luftwaffenbasen Habbaniyah und Shaiba wurden am 30. Mai 1959 endgültig aufgegeben. Der Bagdad-Pakt war damit weitgehend entwertet worden. Die Briten entließen zusätzlich noch Kuwait in die Unabhängigkeit und verhinderten 1961 durch die Entsendung von Kampfverbänden in das Emirat eine drohende Invasion aus dem Irak.
An der ganzen Entwicklung besaßen auch die Geschehnisse von 1941 im Gefolge des Staatsstreichs von Raschid Ali im Irak, den das nationalsozialistische Regime unter Hitler u.a. wegen der Judenfeindlichkeit des arabischen Nationalismus begrenzt unterstüzte, ihren Anteil. Sie hatten deutlich gezeigt, dass die irakische Regierung letztlich auf britischen Bajonetten ruhte.44 Eine Eingreiftruppe hatte die Lage mit Unterstützung der RAF militärisch schnell im Sinne Londons bereinigt und ein pro-britisches Kabinett ins Amt gebracht.45
Der Bagdad-Pakt hatte sich unter anderem auch gegen den neuen starken Mann in Ägypten, Gamal Abdel Nasser gewandt, der mit Unterstützung der Sowjetunion und auf der Basis breiter Unterstützung im Land geschickt gegen die Vormacht vorging. Die Briten unter Churchill wären auch hier zu pragmatischen Lösungen bereit gewesen, wenn ihnen die faktische Herrschaft über den Suez-Kanal im Gegenzug zur Finanzierung des Assuan-Staudammes zugesichert worden wäre. Nasser entschied sich jedoch wegen der damit verbundenen finanziellen Abhängigkeit rasch gegen diese Option und verstaatlichte den Suez-Kanal. Daraufhin war es zu einem der letzten Coups der britischen Kolonialgeschichte gekommen, dem gemeinsamen Angriff mit den Franzosen gegen Ägypten im Suez-Gebiet von 1956. Militärisch mehr oder weniger ein Erfolg, musste die Aktion jedoch rasch abgebrochen werden, weil die USA im Benehmen mit der UdSSR den Rückzug erzwangen, da das strategische Risiko wegen nuklearen Hochrüstung der beiden Supermächte zu groß war. Die Briten und Franzosen mussten sich mehr oder weniger sang- und klanglos zurückziehen. Die ganze Bündnispolitik hatte sich teilweise zu einem Bumerang entwickelt. Nasser erschien zunehmend nicht als Ziel politischer Isolation, sondern als Beispiel für einen gelungenen Start in die Unabhängigkeit.46 Die Ursachen für den Umsturz im Irak lagen auch im Suez-Desaster begründet.
Anders verlief die Entwicklung in Malaya und Kenia.47 Dort kam es zu massiven Aufstandsbewegungen, die in ausgedehnten Aktionen niedergekämpft wurden. Dabei kam das ganze Instrumentarium moderner Militär- und Polizeimacht zum Tragen, insbesondere auch Hubschrauber. Begleitet wurde dies von einer ganzen Palette von Begleitmassnahmen, die von Propgandamaßnahmen und psychologischer Beeinflussung („Battle for the Hearts and Minds“) über die Isolation der Aufständischen von der Restbevölkerung bis hin zu wirtschaftlichen Zugeständnissen reichte.48 Beide Aufstände konnten beendet werden, wobei die Kolonialmacht in Kenia zu teils äußerst brutalen Maßnahmen griff. Immerhin konnte die Masse der Bevölkerung durch pragmatische Zugeständnisse pazifiziert werden, so dass beide Länder künftig westlich orientiert blieben. Insbesondere die Aktionen in Malaya erschienen als derart erfolgreich, dass sie bis heute als Urgrund der Counter-Insurgency gilt. Manche Beobachter vertreten die These, dass die Amerikaner den Vietnamkrieg vor allem deshalb verloren hätten, weil sie die Lehren der Briten in Malaya nicht richtig rezipiert hätten.49 Die Nachkriegsordnung jedoch war ohne die formelle und faktische Unabhängigkeit dort undenkbar.
Auch die verbleibenden Gebiete konnten nicht mehr gehalten werden. Dazu trugen auch starke finanzielle und wirtschaftliche Krisen (Sterling-Krise mit der sechziger Jahre) bei.50 Die letzte Basis von militärischer Signifkanz, Aden, gab man im Jahre 1967 auf, als deutlich wurde, dass sowohl Hinterland als auch Stadtgebiet nicht mehr zu stabilisieren waren. Den Endpunkt erreichte man im Jahre 1968, als die britische Regierung entschied, alle Gebiete „East of Suez“ aufzugeben. Damit war das britische Weltreich faktisch eliminiert. Die Ankündigung wurde 1971 wahrgemacht, 1973 trat Großbritannien dann, nicht zufällig, der EG bei und richtete seine Aufmerksamkeit zunehmend auf Kontinentaleuropa.
Die siebziger Jahre bescherten so etwas wie eine Ruhephase und eine Art Tiefpunkt britischer Weltgeltung. Eine erste Wende trat dann mit dem Regierungsantritt von Margaret Thatcher 1979 ein, die zusammen mit der Regierung Reagan wieder massiv politisch und auch militärisch (Falkland) global zu agieren begann.51 Eine neue Runde begann mit dem 2. Golfkrieg, den Großbritannien fest an der Seite der USA ausfocht. Es scheint, dass damit in gewisser Weise die Tradition des Empire fortgeführt wird – unter teils anderen Bedingungen und als Juniorpartner der USA. Der 3. Golfkrieg bestätigte dies. Damit einher ging auch die Revitalisierung des Empire-Gedankens als Leitbild für kommendes Globalhandeln vor allem für die USA (Niall Ferguson).52





Endnoten



1

Balfour-Paul, Britain’s Informal Empire in the Middle East, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 490 – 502, Francis Robinson, The British Empire and the Muslim World, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 401f., Christoph Marx, Geschichte Afrikas von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2004, S. 157. Die folgende Darstellung stellt eine allgemeine Übersicht über die wichtigsten Grundzüge und Tendenzen des Empire dar, um so eine Basis für das Gesamtkonzept zu schaffen. Die dargestellten Zusammenhänge stellen die Ergebnisse der eigenen konzeptionellen Reflexion dar. Dabei konnten die Wege und Resultate der Forschung keinesfalls ausführlich diskutiert werden, da sonst der Rahmen gesprengt worden wäre. So wird beispielsweise nicht diskutiert, ob die Insitznahme afrikanischer Gebiet („scramble“) eher strategischen oder ökonomischen Erwägungen entsprang (sog. „Gallagher/Robinson-Debatte“). Vgl. dazu den Überblick zur Forschungslage am Schluss.

2

Glen Balfour-Paul, Britain’s Informal Empire (wie in Anm. 1), S. 504 – 507.

3

Judith Brown, India, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 421 und John Andrew Gallagher, The Decline, Revival and Fall of the British Empire, The Ford Lectures and Other Essays, hrsg. von Anil Seal, Cambridge, 1982, S. 77.

4

Louis, Introduction, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 3 – 7, 8 – 12 und 24 – 26. Auch zum Folgenden.

5

David Enrico Omissi, Air Power and Colonial Control: The Royal Air Force, 1919-39, Manchester, 1990, S. 134 - 138.

6

Einen guten Überblick über die immer stärker zunehmenden Aufstände und Rebellion in allen Teilen des Empire vor dem Hintergrund der zunehmend begrenzten Mittel Großbritanniens gibt Anthony Clayton, ‚Deceptive Might‘: Imperial Defence and Security, 1900 – 1968, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 287 – 293.

7

Gallagher, The Decline (wie in Anm. 3), S. 75 – 80.

8

John W. Cell, Colonial Rule, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 232.

9

Zum Folgenden ebda., S. 232 – 243 und 251 und Marx, Christoph Marx, Geschichte Afrikas von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2004, S. 159 – 169 und 204.

10

Gallagher, The Decline (wie in Anm. 3), S. 78f.

11

Brown, India (wie in Anm. 3), S. 432 – 429 und Gallagher, The Decline (wie in Anm. 3), Kap. III, v.a. S. 99 – 103 und 109 – 114. Zum Einsatz militärischer Mittel und vor der Rolle der RAF dort, siehe unten, S. 9).

12

William H. Russell, Meine sieben Kriege, Frankfurt/M. 2000, S. 179 – 188 und S. 408 – 410. Freundlicher Hinweis von Matthias Niklaus.

13

Ebda., S. 149 - 200.

14

Niall Ferguson, Empire, How Britain Made the Modern World, London 2003, S. 221 – 226.

15

Ebda., S. 277 – 279.

16

Louis, Introduction (wie in Anm. 4), S. 24, Omissi (wie in Anm. 5), Air Power and Colonial Control, S. 150 - 162.

17

Zum Folgenden vgl. Keith Robbins, The Eclipse of a Great Power, Modern Britain 1870 – 1992, London 1994, S. 109 – 114.

18

Jeffery, The Second World War, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 306 – 320.

19

Zum Folgenden vgl. Brown, India, (wie in Anm. 3), S. 429 – 437 und Gallagher, The Decline (wie in Anm. 3), S. 85, 88, 101 und 120 – 123.

20

Gleichwohl kann man das Ende des Ersten Weltkriegs durchaus als den Beginn der Dekolonisierung („Imperial decline“) sehen. Vgl. etwa John Gareth Darwin, Decolonization and the End of Empire, in: Winks, Robin, W., Wm. Roger Louis, (Hrsg.), The Oxford History of the British Empire, Vol. V, Historiography, Oxford 1999, S. 541.

21

Zwei sehr gute Überblicke dazu: Robinson, The British Empire and the Muslim World (wie in Anm. 1), und Balfour-Paul, Britain’s Informal Empire in the Middle East, (wie in Anm. 1).

22

Gallagher, The Decline (wie in Anm. 3), S. 109 und 114.

23

Ebda., S. 103 – 109 und 114 – 118. Vgl. auch S. 141.

24

Darwin (wie in Anm. 20).

25

Zu den Konflikten im Empire vor 1935 vgl. die früheste Publikation von Charles W. Gwynn, Imperial Policing. London 1934. Zum Forschungsstand siehe unten, Punkt II.1.

26

Omissi, Air Power and Colonial Control, (wie in Anm. 5), Kap. II und III.

27

Brown, India (wie in Anm. 3), S. 433f.

28

Gallagher, The Decline (wie in Anm. 3), S. 102 und 137 – 141.

29

Ebda., S. 123 – 126.

30

Balfour-Paul, Britain’s Informal Empire (wie in Anm. 1), S. 508. Dies wiederum sollte sich jedoch nicht zum Vorteil entwickeln, denn in den anderen Kolonien, allen voran Ägypten, lernten die Gegner des Empire von diesen Arrangements.

31

Balfour-Paul, Britain’s Informal Empire (wie in Anm. 1), S. 498f., Marx, Geschichte Afrikas (wie in Anm. 9), S. 232f.

32

Dazu, vor allem zum Vertrag von 1930, der den Briten weitgehende Oberhoheit über alle wichtigen logistischen Einrichtungen im Kriegsfall beließ und darüber hinaus zwei Luftwaffenbasen quasi auf exterritorialer Basis sicherte, Louis, William Roger. The British Empire in the Middle East, 1945—1951, Arab Nationalism, the United States and Postwar Imperialism (Oxford, 1985), S. 322 – 331.

33

Dies sehr deutlich bei Marx, Geschichte Afrikas (wie in Anm. 9), S. 247 – 257.

34

Clayton, ‘Deceptive Might’ (wie in Anm. 6), S. 287 – 293.

35

Gallagher, The Decline (wie in Anm. 3), S. 141.

36

Ebda., S. 73f. und 151 – 153 sowie Brown, India (wie in Anm. 3), S. 439 - 445. Diese These blieb nicht unwidersprochen. In anderen Arbeiten wird die Meinung vertreten, dass das Empire insgesamt nur wenig Einfluss besessen hätte und dementsprechend schnell von innen und von außen (nach 1945 Einfluss der USA) zusammenfiel. Vgl. dazu Louis, Introduction (wie in Anm. 4), S. 30 – 34. Dazu auch ders., The Dissolution of the British Empire, in: The Oxford History of the British Empire, Vol. IV, hrsg. von Judith M. Brown und William Roger Louis, Oxford 1999, S. 329 und 354f.

37

Dazu Lemke, Bernd, Luftschutz in Großbritannien und Deutschland 1923 – 1939, S. 176 – 178 und 460.

38

Dazu dazu Walter, Die Emergencies in Malaya und Kenia 1948 – 1960, in: Bernd Greiner, Christian Müller Th. Und Walter, Dierk (Hg.), Heiße Krieg im Kalten Krieg, Hamburg 2006, S. 111f., Clayton, ‘Deceptive Might’ (wie in Anm. 6), S. 296.

39

James S. Corum und Wray R. Johnson, Airpower in Small Wars, Fighting Insurgents and Terrorists, Kansas 2003, S. 181 – 183 und 199f. Die Darstellung des Air Policing bis 1939 auf S. 51 – 66, die jedoch gegenüber dem Standardwerk von Omissi nicht Neues bietet.

40

Ebda., S. 198, vgl. auch Clayton, ‘Deceptive Might’ (wie in Anm. 6), S. 303f.

41

Ein Standardwerk zu dieser Thematik, insbesondere auch aus Sicht der NATO: Stuart, Douglas, und William Tow, The Limits of Alliance, Nato out-of-area problems since 1949, Baltimore London 1990, v.a. Teil I und II.

42

Louis, The British Empire (wie in Anm. 32), S. 308.

43

Ebda., S. 305 – 344 und Ara Sanjian, Turkey and her Arab Neighbours, 1953 – 1958, A Study in the Origins and Failure of the Baghdad Pact, Slough 2001, S. 229 – 240.

44

Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 3 (Beitrag Schreiber), S. 542 - 555.

45

Zur britischen Herrschaft im Irak 1920 – 1945 vgl. Bernd Lemke, Mandat - 'Unabhängigkeit - Besetzung. Konflikte, Aufstände und Krieg im Irak 1920 bis 1945, in: Sebastian Buciak, Asymmetrische Konflikte im Spiegel der Zeit, Berlin 2008, S. 299 – 331.

46

Für die entsprechenden Zusammenhänge vgl. Yesilbursa, Behcet Kemal, The Baghdad Pact, Anglo-American defence policies in the Middle East, 1950 – 1959, London New York 2005, Kap. 6 und 7.

47

Zum Folgenden vgl. Walter, die Emergencies in Malaya und Kenia (wie in Anm. 38), S. 117 – 140.

48

Zu Malaya vgl. insbesondere auch Corum/Johnson, Airpower in Small Wars (wie in Anm. 39), S. 179 – 200.

49

Ebda., S. 198f. und 227f.

50

Clayton, ‘Deceptive Might’ (wie in Anm. 6), S. 304.

51

Robbins, The Eclipse of a Great Power (wie in Anm. 17), S. 389 – 395.

52

Zu einer Bewertung der entsprechenden Publikationen von Ferguson vgl. Jörn Leonhard/Ulrike von Hirschhausen, „New Imperialism“ oder „Liberal Empire“? Niall Fergusons Empire-Apologetik im Zeichen der „Anglobalization“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006), H. 1, (17.07.2006), URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Inhalt-1-2006.


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