Ausgehend von den im Abschnitt Zur Person angesprochenen Grundsätzen verfolge ich auf der Basis der methodischen Standards der modernen Geschichtswissenschaft im wesentlichen vier Ziele.

1. Würdigung bzw. Berücksichtigung der zentralen menschlichen Lebensräume auf allen relevanten Ebenen:

a. Lokale Ebene
b. Regionale Ebene
c. Nationale Ebene
d. Kontinentale Ebene
e. Globale Ebene.

Es dürfte klar sein, dass eine ausgedehnte Forschungstätigkeit auf allen fünf Ebenen nicht in gleichem Maße und in gleicher Intensität betrieben werden. Angestrebt werden soll aber die innovative Abwägung der verschiedenen Ebenen gegeneinander. Wie aus meiner Publikationsliste hervorgeht, habe ich meine ersten Schritte auf der lokalen Ebene gemacht und habe im Rahmen meines Studiums diese auch unter Einbeziehung der regionalen Ebene erweitert. Die nationale bzw. europäische Ebene wurde intensiv bei meinen bisherigen Hauptpublikationen (Dissertation und Luftwaffenband) reflektiert, dies teils auch unter ausgedehnter Nutzung des Vergleichs als historiografische Methode (siehe dazu Punkt 2.). Die globale Ebene wird mich in Zukunft sehr stark beschäftigen, ohne die anderen 'levels' aus dem Blick zu verlieren. Hierbei widme ich mich vor allem vier zentralen Brennpunkten des britischen Kolonialreiches: Kenia, Irak, Waziristan und Malaya. Gewissermaßen als Bindeglied zwischen kontinentaler und globaler Ebene dient mein aktuelles Projekt im Rahmen der NATO-Reihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (Geschichte der "Allied Mobile Force" als multinationaler Einsatzverband). Direkt damit verbunden soll auch ein Beitrag zur historisch-politischen Orientierung im Rahmen der Geschichte der Bundeswehr im nordatlantischen Bündnis geleistet werden.

Es wird aus meiner Sicht für alle Historiker in Zukunft zwingend nötig sein, einen sinnvollen Mix der hier angesprochenen Ebenen zur Anwendung zu bringen, wenn die Zunft weiterhin substantielle Beiträge liefern will. Man kann über Sinn und Zweck, über Dauerhaftigkeit und 'Einzigartigkeit' der aktuellen Globalisierung wohl vortrefflich und ausdauernd streiten. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich die globale Frage stellt. Auch die Militärgeschichte muss hier noch viel weiter öffnen, als sie dies bislang getan hat. Mit ausschließlich lokalen oder regionalen oder nationalen Studien wird man den Aufgaben der Zukunft nicht mehr gerecht werden können. Alle Geisteswissenschaften müssen ihr Spektrum hier erweitern. Das heißt nicht, dass keine Einzelstudien zu lokalen etc. Themen mehr unternommen werden sollen. Man darf hier aber nicht stehenbleiben. Denn sonst könnte es sein, dass Deutschland sich künftig in den Reihen der Globalisierungsverlierer wiederfindet.
Die Beschäftigung mit dem Samland als dem zweiten Teil dieser homepage ordnet sich hier ein. Bei allem Eingebundensein in die teils schrecklichen Ereignisse im Zeitalter der Weltkriege und dem Schicksal dieser Region kann auch das Samland und Ostpreussen im globalen Zusammenhang verstanden werden, dies ohne die individuellen historischen Züge zu verwischen. Das Samland war jahrhundertelang ein Einwanderungsland, in dem verschiedene Völkerschaften aufeinandertrafen und zusammenlebten. Dazu gehören auch die Pruzzen, gewissermaßen die indigene Bevölkerung vor Beginn der deutschen Siedlung, die ein früher Wissenschaftler einmal mit den Indianern in Nordamerika verglich, dies vor dem Hintergrund, dass das Samland, wie er annahm, ein "Kolonialland" sei.1


2. Ausgedehnte Nutzung von Vergleich und Transferanalyse für die Forschung

An dieser Stelle kann keine Diskussion der inzwischen recht weit fortgeschrittenen methodischen und methodologischen Entwicklung von Vergleich und Transfer als Instrumente der Geschichtswissenschaft geboten werden. Siehe dazu die Literaturhinweise.

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass gerade im Bereich der Geschichtswissenschaft im nationalen Forschungsfokus viele primäre Quellen bereits ausgeschöpft wurden. Ohne methodische Neuerungen kommt man nicht weiter. Auch die in den letzten Jahrzehnten im Aufschwung begriffene Einbeziehung der Kultur- und Mentalitätsgeschichte stößt an Grenzen. In manchen Bereichen (z.B. Erforschung der britischen Kriegsgesellschaft 1940 - 45) müssen Historiker bereits zugeben, dass ein weiteres Eindringen in die Mentalitäten und Seelen mangels seriöser Quellen nicht möglich ist. Der Historiker muss sich letztlich damit abfinden, dass er ein Gebiet -die Vergangenheit- erforscht, dass er selbst nicht mehr betreten kann (zumindest solange, wie es keine Zeitmaschinen gibt) und sich daher mit vergleichsweise bruchstückhaften Beweisen zufriedengeben muss. Er kann keine Meinungsumfrage der Zivilbevölkerung von 1943 mehr durchführen oder einzelne Menschen auf die psychologische Couch legen.

Sicher gibt es noch zahlreiche Quellengattungen, die erforscht werden können (Bilder, Filme etc.). Es ist aber zweifelhaft, ob ab einem bestimmten Punkt tatsächlich neue Erkenntnisse geliefert werden können. Etwas salopp ausgedrückt: die methodische Erschöpfung tritt lange vor dem Zeitpunkt ein, an dem der letzte Feldpostbrief des Zweiten Weltkrieges gelesen ist.

Schließlich noch ein Wort zu den Kritikern des Vergleiches: wie ich niemals müde werde zu betonen, geht es beim Vergleich nicht darum, irgendwelche allgemeinen Aussagen oder Stereotypen zu bestätigen oder zu widerlegen. Der Vergleich ist -teils kontrafaktisches- Mittel, um über Grenzen hinweg zu neuen Erkenntnisse zu gelangen. Daher bedeutet auch, wie immer noch offenbar vielfach angenommen, "vergleichen" keineswegs isoliertes "gleichsetzen" und auch nicht "unterschieden". Der Vergleich ist immer ein 'sowohl-als-auch': adäquate Ergebnisse ergeben sich immer aus "Gemeinsamkeiten" und "Unterschieden" zugleich. Beides gehört dazu.

Schließlich noch ein Wort zur Äpfel-Birnen-Metapher. Ja, liebe Leute: man kann Äpfel und Birnen vergleichen, da beide Kernfrüchte sind, auf Bäumen hängen, einen Stiel haben, zu Saft verarbeitet werden können etc.pp. Die Aufgabe der Komparatistik aber wird es sein, den jeweiligen Fruchtsäuregehalt, die Konsistenz u.a.m. in Beziehung zu setzen.


3.) Beachtung der wechselseitigen Perspektiven gerade von Kriegsparteien und der in die Kampfhandlungen verwickelten Zivilbevölkerung

Auch hier trifft sich diese homepage in ihrer ganzen Breite mit der von mir beabsichtigten globalen Perspektive. Fast überall, wo Militär auftrat, war auch das Leben und die Kultur der Bevölkerung und der Gesellschaft als Ganzes tangiert. Es gilt, die Kultur der "Anderen", von denen es wahrlich und reichhaltig Viele gibt, zu verstehen. Dazu gehört der Flüchtling, der aus dem Osten Deutschlands kam genauso, wie displaced persons in Kolonialkriegen.

Wohlgemerkt, man darf hier nicht zu schnell Vergleiche ziehen, weil ansonsten nur grobrastrige Allgemeinheiten zu Tage gefördert werden. Zu einem grundlegenden und Einordnung der deutschen Geschichte in die Weltgeschichte muss eine übergeordnete Perspektive eingenommen werden. Ich habe den Verdacht, dass unter anderem auch die Tragödie des deutschen Vertriebenen hierzulande noch viel zu prägend wirkt. Dieses 'Trauma', nunmehr ergänzt durch die Opferdebatte (W.G. Sebald), hat in Verbindung mit dem Jahr 1945 vielleicht immer noch etwas rückwirkend Teleologisches. Es wäre an der Zeit, stärker zu begreifen, dass Millionen und Abermillionen Menschen auf dieser Welt von der Grausamkeit her genau das Gleiche, vielleicht sogar noch Schlimmeres erlebt haben. Damit meine ich keineswegs eine preiswerte Gleichsetzung von Holocaust und Vertreibung, eine moralische Schuldabwälzung irgendwelcher Art oder gar die Verwischung der individuellen Züge der Gräuel im Zeitalter der Weltkriege (nichts läge mir ferner), sondern die Erkenntnis, dass Deutsche als Menschen physisch und psychisch teils auf ähnliche Weise behandelt wurden wie Kambodschaner, Vietnamesen oder Kurden. Sicher waren die Rahmenbedingungen anders. Differenzierte Forschung darf keine 'billigen Parallelen' ziehen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren will. Dennoch dürfen mentale und geistige Grenzen weder zementiert noch tabuisiert werden. Vielleicht sind gerade Flüchtlinge und deren Nachkommen neben Anderen vielleicht hierzu gut geeignet, dies jedoch nicht im Sinne allzu durchsichtiger politischer oder gar materieller Interessen, sondern im Sinne einer Öffnung der "hearts and minds" für die globale Perspektive.


4.) Von diesen Perspektiven aus strebe ich die Erforschung folgender Sachgebiete an:

a. Zivilbevölkerung und militärische Gewalt (Luft- und Zivilschutz)
b. Luftwaffengeschichte im internationalen Vergleich und im globalen Rahmen
c. Bündnisgeschichte der NATO unter besonderer Berücksichtigung der Flanken
d. Geschichte der Kolonialkriege und kolonialen bzw. kolonialähnlichen Ausgreifens, dies insbesondere im Rahmen der deutschen und der britischen Geschichte. Siehe dazu auch die Hauptseite Kolonien im Vergleich.



Literaturhinweise

Hier sind vor allem zwei Standardwerke neuesten Datums zu nennen:


- Heinz-Gerhard Haupt und Jürgen Kocka, Comparative and Transnational History, Central European Approaches and New Perspectives, New York Oxford 2009.

- Transnationale Geschichte : Themen, Tendenzen und Theorien ; [Jürgen Kocka zum 65. Geburtstag] / hrsg. von Gunilla Budde u.a., Göttingen 2006.

- Vergleich und Transfer : Komparatistik in den Sozial-, Geschichts- und Kulturwissenschaften / Hartmut Kaelble, Jürgen Schriewer (Hg.)
Frankfurt 2003.




1

Rudolf Jankowsky, Samland und seine Bevölkerung, Inaugural-Dissertation an der philosophischen Facultät der Albertus-Universität zu Königsberg i.Pr. 1902, S. 56f.
Downloadbar als pdf-Datei unter: http://www.schaper.org/ahnen/jankowsky/rudolf/index.htm.
Diese sehr interessante, wenn auch zeitlich sehr weit zurückliegende Perspektivenbildung muss auf jeden Fall weiterverfolgt und geprüft werden.
Einen sehr innovativen Ansatz zur Einbindung Ostpreussens in die Globalgeschichte bietet Andrew Zimmermann, Ein deutsches Alabama in Afrika: Die Tuskegee-Expedition nach Togo und die transnationalen Ursprünge westafrikanischer Baumwollpflanzer, in: Globalgeschichte, Theorien, Ansätze, Themen, hrsg. von Sebastian Conrad, Andreas Eckert, Ulrike Freitag, Frankfurt/M. 2007.


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